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Porcupine Tree: Top 10 Alben

Porcupine Tree ist aktuell eine kleine Obsession von mir. Ich habe die Band dieses Jahr über das Soloprojekt ihres Frontmanns Steven Wilson kennengelernt. Jetzt habe ich mich endlich weit genug durch ihre Diskographie gearbeitet, um all ihre Alben zu besprechen. Als Format dafür habe ich mich für eine Top-Liste entschieden.

(dritte Version vom 27.05.2022, Originalversion vom 06.04.2021)

Porcupine Tree war eine britische Rockband um den Sänger, Multiinstrumentalisten und Songwriter Steven Wilson, der unter anderem durch sein gleichnamiges Solo-Projekt bekannt ist und zu den Künstlern gehören, die unermüdlich an verschiedensten Projekten arbeiten. So findet man ihn außerdem bei den Interpreten No-Man, Storm Corrosion, Blackfield und weiteren. Keines seiner Projekte konnte aber soviel Einfluss und Reputation erlangen wie Porcupine Tree, bei dem Wilson die Musik anfangs noch im Alleingang schrieb, später jedoch mehr und mehr seine Bandkollegen Richard Barbieri (Keyboard und Synthesizer) und Colin Edwin (Bass) miteinbezog. An großartigen Schlagzeugern mangelte es der Gruppe auch nicht. Zum 2002er Album In Absentia wurde Chris Maitland, seinerseits bereits ein solider Mann hinter dem Kit, durch den mittlerweile legendären Gavin Harrison ersetzt, der besonders auf Live-Performances für Staunen sorgt (auf seinen ersten Alben wurde er leider nicht von der Leine gelassen).
Stilistisch wird Porcupine Tree sehr oft auf das Genre Progressive-Rock heruntergebrochen, in welchem sie als eine der essenziellen Bands der letzten, mittlerweile fast 25 Jahren gelten, obwohl sie seit 2010 nicht mehr zusammen musizieren. Steven Wilson bezieht in Interviews immer wieder Stellung gegen dieses Schubladendenken, betont aber auch sein Verständnis dafür, dass Medien Musik wirksam einordnen können müssen. Neben progressivem Rock bedienen Porcupine Tree in ihrem Sound eben auch die Genres Psychedelia, Alternative-Metal, Brit-Pop und Ambient. Ihre wichtigsten Einflüsse dürften wohl bei klassischen Rockbands wie King Crimson, Yes, Pink Floyd, CSNY (Crosby, Stills, Nash and Young), ELP (Emerson, Lake and Palmer) oder gar den Bealtes liegen.

In der folgenden Top-Liste möchte ich nun alle Alben von Porcupine Tree vom Schwächsten zum Besten listen. Insgesamt veröffentlichte die Gruppe zehn vollwertige Studioalben von 1991 bis 2009.

10. On the Sunday of Life (1991)

On the Sunday of Life mag eine vorhersehbare Auswahl für den letzten Platz der Liste sein, aber ganz ehrlich: Kein anderes Porcupine Tree-Album kann man ernsthaft als schwächer bezeichnen. Die Hälfte der Tracklist besteht aus experimentellen oder einfach nur komischen Interludes und Ambient-Soundscapes und Steven Wilsons Stimme wurde teilweise seltsam hochgepitched. On the Sunday of Life ist eher eine Sammlung von (mehr oder weniger) musikalischen Ideen Wilsons. Porcupine Tree war zu diesem Zeitpunkt keine Band und Wilson plante mit dem Interpreten nichts Größeres. Trotzdem beinhaltet das 1991er Debüt-Album einen absoluten Klassiker der Diskographie: Radioactive Toy. Dieses zehnminütige Epos ist nicht nur ein guter Song, sondern auch wegweisend für die Zukunft des Projekts Porcupine Tree. Weitere einzigartige Highlights sind And the Swallows Dance Above the Sun und The Nostalgia Factory.

5.5 / 10

Essenzieller Song: „Radioactive Toy“
weitere Highlights: „And the Swallows Dance Above the Sun“; „The Nostalgia Factory“

09. Up the Downstair (1993)

Steven Wilson bezeichnet Up the Downstair als erstes, richtiges Porcupine Tree-Album, als ihr eigentliches Debüt – auch wenn hier von einer Band kaum die Rede sein kann. Up the Downstair besteht dafür erstmals aus 100% waschechter Musik. Von den unglücklichen Experimenten von On the Sunday of Life bleibt keine Spur. Dennoch bewahrt sich Wilson seinen Humor, wie das Intro What You Are Listening To unter Beweis stellt. Die Hauptteile des ersten Songs Synesthesia und Always Never bieten sogar schon eingängige Gesangs- und Instrumentalmotive. Besonders der Acid-Rock von Synesthesia weiß zu beeindrucken.

Das 2004 Remaster ist der ausschlaggebende Grund für den gute Alterungsprozess von Up the Downstair. Dafür ließ Steven Wilson das ursprünglich synthetische Schlagzeug von Gavin Harrison neu, jedoch originalgetrau einspielen. Er nahm außerdem selbst einige Instrumente, vor allem Akustik-Gitarren-Parts, neu auf.

Up the Downstair übernimmt leider auch Schwächen von On the Sunday of Life. Das Album ist minimalistisch produziert, besteht zu großen Teilen aus langen, instrumentellen Passagen und es mangelt des Weiteren an Einprägsamem. Ein neu hinzukommendes Problem ist die zunehmende Reminiszenz an andere Künstler, in erster Linie Pink Floyd, die in den folgenden Jahren zu einem der größten Kritikpunkte an Porcupine Tree avancieren sollte.

7 / 10

Essenzieller Song: „What You Are Listening To / Synesthesia / Monuments Burn into Moments / Always Never“
weitere Highlights: „Burning Sky / Fadeaway“

08. The Sky Moves Sideways (1995)

Dasdritte Album The Sky Moves Sideways hat Porcupine Tree anschließend den oftmals negativ konnotierten Titel „Pink Floyd der ‚90er“ eingebracht. Es ist eines der am kontrovers diskutiertesten Veröffentlichungen unter Fans. Die einen platzieren das Album in ihren Top 3, die anderen – zu denen ich offensichtlich zähle – sehen es eher weiter unten auf ihrer Liste. Egal wie man zu The Sky Moves Sideways steht, so wirklich verdient haben sich Porcupine Tree den oben genannten Titel mit diesem Album nicht. Die erste Phase des Titeltracks stellt das teilweise eindrucksvoll mit einem psychedelischen Rave-Teil unter Beweis und Dislocated Day punktet mit seinem Drum-Beat, der so gar nicht Pink Floyd-esque ist.
Die Struktur von The Sky Moves Sideways erinnert jedoch ohne Frage an Pink Floyd’s Wish You Were Here. Drei kürzere Stücke (Stars Die, Dislocated Day und The Moon Touches Your Shoulder) werden umrahmt von einem zweiteiligen Longtrack. Das vage Konzept ist dabei eine Beobachtung des Himmels und wie er sich im Laufe des Tages verändert. Das passt zur verträumten Space-Rock-Atmosphäre, die das Album dominiert. The Sky Moves Sideways übertrifft seine Vorgänger in der Hinsicht eine psychedelische Album-Erfahrung zu kreieren. Weiterhin fehlen aber starke Lieder und die Dynamik einer Bandperformance.

7 / 10

Essenzieller Song: „The Sky Moves Sideways Phase One“
weitere Highlights: „Stars Die“; „The Moon Touches Your Shoulder“

07. The Incident (2009)

Das letzte Album von Porcupine Tree wird oft übersehen und ist vielleicht auch etwas unterschätzt. Zwar liefert die Band auf den letzten Metern nichts Neues mehr ab – weder für das Progressive-Rock-Genre, noch für sich selbst – aber Songwriting und Konzept überzeugen. The Incident wird oft als "Songzyklus" bezeichnet, weil alle Tracks der ersten Disk nahtlos ineinander überlaufen. Oft wird da aber zu viel hineininterpretiert, z.B., dass The Incident ein One-Track-Album oder ein Konzeptalbum sei. Das ist nicht viel mehr der Fall als bei vorangegangenen Werken. Dass alle Songs miteinander verknüpft sind, heißt nämlich nicht, dass auch alle zusammen eine kohärente Einheit, einen Spannungsbogen und eine Geschichte bilden.
Das Gegenteil ist der Fall: Jeder Titel steht mehr oder weniger für sich, was auch der Grund dafür ist, dass The Incident viel Momentum und Konstanz einbüßt. Mehr als die Hälfte der Songs (8 von 14) sind weniger als 2:40 Minuten lang. Ob sie einfach nicht weiterausgebaut werden konnten oder sollten, ist eigentlich egal. Fest steht, dass die vielen, kurzen Abschnitte, auch wenn es sich  zum Teil um schöne Songfragmente handelt (Kneel and Disconnect, Great ExpectationsThe Seance), den Spannungsbogen durchsetzen und so für jenen Verlust an Momentum sorgen.
Der schieren Zahl an kurzen Zwischenspielen stehen nur sechs Tracks voller Länge entgegen, die zudem niemals das Level der Höhepunkte der drei Vorgängeralben erreichen, was aber nicht viel heißen muss, wenn man sich deren Qualität vor Augen führt.
Was relativ negativ klingen mag, ist jedoch Meckern auf (mittel-)hohem Niveau (wie man so schön sagt), denn trotzdem fließt The Incident aufgrund der nahtlosen Übergänge besonders gut, bietet viel Abwechslung und entsprechende Verschnaufpausen nach den düsteren und/oder härteren Longtracks. Die Abfolge der ersten sechs Songs beispielsweise ist, trotz einem 50:50 Verhältnis, wundervoll gelungen und The Seance dient später als toller Epilog zu Octane Twisted. Bezüglich der beiden Preludes Occam's Razor und Degree Zero of Liberty bin ich immer noch zwiegespalten: Auf der einen Seite funktionieren sie gut als einleitende Momente, auf der anderen Seite bieten sie kaum einen Mehrwert.
Die beiden essenziellen Stücke der ersten Disk sind Time Flies (als zentrales Element) und I Drive the Hearse (als Closing-Track). Beide haben berührende Lyrics, eine weniger düstere Atmosphäre und keine harten Riffs. Sie werden zu den entlohnenden Klimaxen von The Incident

I was born in '67 / The year of "Sgt. Pepper" / And "Are You Experienced"
Into a suburban heaven / Yeah, it should've been forever / It all seemed to make so much sense
But after a while / You realize time flies / And the best thing that you can do / Is take whatever comes to you / 'Cause time flies

Die zweite Disk von The Incident, durch die das Album de facto zum Doppelalbum wird, besteht aus gerade einmal vier Tracks, mit einer Gesamtlaufzeit von 21 Minuten, die den ca. 50 Minuten der ersten Disk gegenüberstehen. Sie sind nicht miteinander verknüpft, weshalb man sie eigentlich als Bonus Tracks betrachten sollte. In diesem Sinne (als individuelle, unabhängige Songs) überzeugen sie auf ganzer Linie. Bonnie the Cat ist ein eindringlicher, fast gruseliger Titel mit großartigem Beat. Black Dahlia und Flicker gehören zu den zugänglichsten Songs und Remember Me Lover wäre einer meiner Favoriten des Albums, der die emotionale Atmosphäre und das Songwriting der beiden Highlights der ersten Disc mit teilweise auftretenden heavy Riffs verbindet, würde sich der Song nicht einfach einmal wiederholen. Als zweiter Teil eines Doppelalbums funktioniert diese Tracklist aber nicht und sie wirkt insofern überflüßig, besonders nachdem man bereits 50 Minuten im Rahmen der ersten Disc zu hören hatte. Vielleicht hätte man sie unter die anderen Songs – ebenfalls nahtlos übergehend – mischen und sich dafür einiger Skizzen entledigen sollen. Man hätte sie alternativ als EP auskoppeln können, wie damals die vier Titel auf Nil Recurring von Fear of a Blank Planet? Ich weiß es nicht und ganz ehrlich: The Incident ist trotz allem ein solides Album, das die ersten drei Porcupine Tree-Alben aufgrund seiner größeren Einprägsamkeit und Songorientiertheit überflügelt.

7.5 / 10

Essenzieller Song: "Time Flies"
weitere Highlights: "I Drive the Hearse"; "The Blind House"; "The Incident"; "Bonnie the Cat"

06. Stupid Dream (1999)

Bei Stupid Dream handelte es sich um Steven Wilsons bislang ambitioniertestes Projekt. Die große Aufgabe, die er sich selbst gestellt hat? Ein Album voller Pop-Songs schreiben. Teilweise löst Wilson dieses Versprechen auch ein. Stupid Dream wird zum bis dahin zugänglichsten und erfolgreichsten Porcupine Tree-Release. Es grenzt sich durch seine Britpop-Einflüsse außerdem besonders stark von den gängigen Vergleichen mit Pink Floyd ab. Auf Pure Narcotic – meinem Liebling von Stupid Dream – referenziert Wilson sogar Radioheads Album The Bends, dass 1995 erschienen war und zu den Klassikern des Britpop zählt. Auf der Strecke bleibt der rote Faden in der Struktur des Albums; ein Nebeneffekt der eigentlich vorteilhaften Songorientiertheit von Stupid Dream. Auch die Kunst des poppigen Lieder-Schreibens hat Wilson noch nicht gemeistert, wie die beiden mittelmäßigen Stücke This Is No Rehearsal und Baby Dream in Cellophane beweisen. Ungünstigerweise folgen beide in der Mitte des Albums direkt aufeinander, nach dem musikalisch beeindruckenden, aber textlich viel zu plakativen, längeren Prog-Song Don’t Hate Me.

Stupid Dream ist also eine durchwachsene Hörerfahrung, die mich zwischendurch mehr wollend zurücklässt. Gleichzeitig markiert es einen wichtigen Schritt in der Entwicklung von Porcupine Tree und liefert auf dem Weg einige Klassiker der Diskographie. Even Less gehört bis heute zurecht zu den Fan-Favoriten, mit Piano Lessons und Stranger By the Minute gelingen Wilson zwei runde Pop-Tracks, A Smart Kid knallt trotz schwelgerisch depressiver Emo-Lyrics ordentlich und der Abschlusssong Stop Swimming beendet Stupid Dream mit einem lyrischen Ich am Rande des Selbstmords. Diese Kombination bzw. Abwechslung von Düsternis und Nostalgie wird auf den späteren Alben zu einem Kernmerkmal des Porcupine Tree-Sounds.

7.5 / 10

Essenzieller Song: „Even Less“
weitere Highlights: „Pure Narcotic“; „Stranger By the Minute“; „Piano Lessons“; „A Smart Kid“; „Stop Swimming“; „Don’t Hate Me“

05. Signify (1996)

Signify ist das erste Porcupine Tree-Album, auf dem die ganze Bandbesetzung kontinuierlich am Songwriting und an den Performances beteiligt war. Viele der Songs sind dabei eher von Samples und Ambient-Sounds geprägte Jam-Sessions als durchkomponierte Stücke (Waiting Phase Two; Idiot Prayer; Intermediate Jesus, Light Mass Prayers). Signify ist deshalb zwar eine spannende, bewundernswerte, teils sphärische, teils rockende Hörerfahrung, aber eben auch weniger einprägsam und zugänglich als seine Nachfolger. Trotzdem sind hier die ersten Versuche von Steven Wilson und Co. Singles und poppigere Stücke zu schreiben (Waiting (Phase One); The Sleep of No Dreaming; Sever) spürbar, was ihm und Porcupine Tree drei Jahre später auf Stupid Dream endgültig gelingen sollte. Das heißt aber, wie an den Platzierungen auf dieser Liste unschwer zu erkennen ist, nicht, dass Stupid Dream besser wäre als Signify. Für viele mag es das sein, für mich aber nicht. Stupid Dream tauscht nämlich auch die Psychedelia und fortdauerende Experimentation dafür ein – eben wieder ein Album mit anderem Anspruch. Nicht auf den Anspruch zurückzuführen ist jedoch die größere Konstanz und Kohärenz von Signify. Ich habe einfach immer großen Spaß mich in den Klangkulissen des Albums zu verlieren.
Signify ist also ein richtig gutes Porcupine Tree-Werk, aber eben keines, das man Einsteigern an die Hand gibt, vielleicht bis auf den Closing-Track und Klassiker Dark Matter und den ersten Einsatz Porcupine Tree's eines Hard-Rock-Riffs auf dem kurzen, instrumentellen Stück Signify.

8 / 10

Essenzielle Songs: "Dark Matter"; "Signify"; "Waiting (Phase One)"
weitere Highlights: "Waiting Phase Two"; "Every Home is Wired"; "Sever"

4. In Absentia (2002)

Von vielen wird In Absentia als zentrales Album der Band betrachtet. Hier sitzt erstmals Gavin Harrison am Drum-Kit, während Steven Wilson Metal-Einflüsse miteinbezieht, ohne dass das poppige Gefühl von Lightbulb Sun verloren geht. In Absentia ist im Unterschied zu diesem Album deutlich düsterer, was sich in Kompositionen wie Blackest Eyes, Lips of Ashes, Gravity Eyelids und Strip the Soul niederschlägt, die sich mit sexuellem Missbrauch und Massenmord auseinandersetzen. Die Titel Heartattack in a Layby und Collapse the Light into Earth repräsentieren demgegenüber die depressivsten Seiten, die Porcupine Tree je aufgeschlagen hat. Als wäre das noch nicht genug, finden sich mit Trains und The Sound of Muzak die wohl zugänglichsten Songs der Band auf In Absentia. Trains mag sehr wohl mein Lieblingssong der Band sein. Die beste Kombination all dieser musikalischen Eigenschaften ist der bereits erwähnte Opener Blackest Eyes, der den Kontrast zwischen Pop und harten Riffs, düster verstörenden Lyrics, Melancholie und schönen Gesangsharmonien beeindruckend in einem Brit-Rock-beeinflussten Stück vereint.
Der einzige Song der Tracklist, der mich nicht wirklich berührt, ist das Instrumental Wedding Nails, das Wilson zusammen mit Keyboarder Richard Barbieri geschrieben hat. Als Wiedergutmachung gibt es dafür einige B-Sides zu In Absentia, von denen Chloroform und insbesondere Drown With Me eigentlich auf’s Album gemusst hätten.

8.5 / 10

Essenzielle Songs: "Trains"; "Blackest Eyes"; "Gravity Eyelids"
weitere Highlights: "Lips of Ashes"; "Heartattack in a Layby"; "Strip the Soul"; ("Drown with Me")

3. Lightbulb Sun (2000)

Danke Apple Music, dass ihr Lightbulb Sun als essenzielles Album von Porcupine Tree führt!

Das letzte Album mit Schlagzeuger Chris Maitland und das erste Album der 2000er von Porcupine Tree, Lightbulb Sun, fasst das Schaffen der Band aus den '90ern fantastisch zusammen und ist gleichzeitig, für den durchschnittlichen Musikhörer, das wohl zugänglichste Werk der Band. Kein anderes Projekt ist so poppig – und das ist einfach schön. Trotzdem verliert Lightbulb Sun die Psychedelia und Progressivität nicht aus den Augen und zaubert epische Longtracks wie das jazzige Hatesong (noch viel besser in der Live-Version mit Gavin Harrison) und Russia On Ice daher, die zusammen mit den grenzkitschigen Streichern von The Rest Will Flow, dessen Platzierung in der Tracklist einfach großartig funktioniert, oder dem wunderschönen Chorus sowie dem brillanten, John Frusciante-esquen Gitarren-Solo von Shesmovedon auf einer Ebene stehen. Der Opening-Track Lightbulb Sun beginnt mit einem zurückhaltend hoffnungsvollem Crosby, Stills, Nash & Young-esquen Gitarren-Intro und vermittelt ein melancholisches Sommer-Feeling oder aber das Bild eines Sonnenaufgangs an einem schönen Wintertag, das die erste Hälfte des Albums passender nicht einleiten könnte. Die erwähnten Highlights werden für ein ausgeglichenes, doch insgesamt recht ruhiges Hörerlebnis immer wieder von ruhigen, kürzeren Titeln durchsetzt. Die besten Beispiele sind, neben The Rest Will Flow, das verspielte und verträumte How Is Your Life Today? sowie Last Chance To Evacuate Planet Earth Before It Is Recycled, ein Song mit anspruchsvoller Rhythmik und faszinierenderen Performances an allen Instrumenten. Somit ist Lightbulb Sun wohl definitiv das einsteigerfreundlichste Porcupine Tree-Album, aber trotzdem keines, das auf lange Sicht zu flach wäre. 

8.5 / 10

Essenzielle Songs:  "Shesmovedon"; "Hatesong"; "Russia On Ice"; "Lightbulb Sun"
weitere Highlights: "Last Chance to Evacuate Planet Earth Before It Is Recycled"; "The Rest Will Flow"

2. Deadwing (2005)

Der Nachfolger zu In Absentia ist das zweite Album im großartigen trilogischen Album-Release-Run der Band. Deadwing schlägt noch einmal härtere Töne als der Vorgänger an. Das Album wurde ursprünglich als Soundtrack zu einem zugehörigen Drehbuch von Steven Wilson verfasst. Die Umsetzung als Film fiel jedoch ins Wasser. Deadwing wurde dennoch 2005 als achtes Studioalbum der Band veröffentlicht und spaltet seitdem die Porcupine Tree-Fanbase. Es wird auf der einen Seite als eines ihrer besten, wenn nicht sogar das beste Werk der Band angesehen. Andererseits empfinden einige Deadwing als zu wenig tiefgründig im Vergleich zu Vorgänger und Nachfolger und bemängeln den verhältnismäßig direkten Alternative-Metal-Sound des Albums. Ich gehöre, wie an der Positionierung auf dieser Liste leicht erkennbar, zum ersteren Fanlager. Deadwing war, um genau zu sein, mein Einstiegswerk in die Welt von Porcupine Tree und ist bis heute mein persönlicher Favorit. Mit Arriving Somewhere But Not Here bietet das Album eines der drei unangefochtenen Meisterstücke der Band (Trains von In Absentia und Anesthetize von Fear of a Blank Planet sind die anderen beiden). Hier steuert Mikael Åkerfeldt von Opeth Backing-Vocals und das atemberaubende zweite Gitarrensolo bei. Das 12-minütige Epos steigert sich zuerst langsam hin zu einem Höhepunkt geprägt von harten Riffs, um dann in einem langen Fade-Out abzufallen. Der populärste Song des Albums heißt Lazarus; eine ruhige, berührende Klavierballade, dennoch im Steven Wilson-Stil gehalten. Der Opening- und Title-Track Deadwing und der zweite Song Shallow leiten das Album mit den krachendsten Riffs der Band bis zu diesem Punkt ein. Ein kleiner Geheimfavorit von mir ist Mellotron Scratch, der zuerst mit einem ruhigen Interlude verwechselt werden kann, einen später jedoch mit fantastischen Harmonien und einer fast Hoffnung spendenden Klimax eines Besseren belehrt. 
Insgesamt ist Deadwing eines der konstantesten Porcupine Tree-Alben. Hier gibt es nicht einen schlechten Song und das Album ist von vorne bis hinten richtig gut. Einzig lyrisch ist es eben nicht so einprägsam wie In Absentia und sein Nachfolger Fear of a Blank Planet und diskutierbar auch weniger musikalisch tiefgründig. Die Stärken von Deadwing machen das aber für mich mehr als wieder wett. 

8.5 / 10

Essenzielle Songs: "Arriving Somewhere But Not Here"; "Lazarus"
weitere Highlights: "Deadwing"; "The Start of Something Beautiful"; "Mellotron Scratch"; "Open Car"

1. Fear of a Blank Planet (2007)

Fear of a Blank Planet ist das erfolgreichste Album von Porcupine Tree und war sogar für einen Grammy nominiert. Dieses vorletzteWerk der Band steht und fällt mit seinem zentralen, 17-minütigen Herzstück Anesthetize. Mit einer gesamten Titelanzahl von sechs Songs ist Fear of a Blank Planet recht überschaubar und deshalb scheinbar weniger gehaltvoll als Deadwing oder In Absentia. Dabei handelt es sich wohl um das einzige richtige Konzeptalbum der Porcupine Tree-Diskographie. Die Songs gehen zwar nicht nahtlos ineinander über wie auf The Incident, sind dafür aber thematisch alle miteinander verknüpft. Alles passt ins Bilde, dramaturgisch, musikalisch, konzeptionell. Fear of a Blank Planet dreht sich inhaltlich um Depressionen, Suizid und die kommenden Generationen an Kindern, die unter dem starken Einfluss von Technologie (und mittlerweile spezieller Social Media) aufwachsen, was solcherlei Phänomene weiter verstärken kann. Die Lyrics mögen hier und dort zwar ein bisschen übertrieben oder sogar generalisierend und arrogant wirken, lassen sich am Ende jedoch immer auch anders bzw. gemäßigter interpretieren – ganz davon abgesehen, dass überall unbestreitbar sorgenerregende Wahrheiten drinstecken (trotzdem sind besonders einige Zeilen im Titeltrack nicht besonders gelungen). Das Album ist dementsprechend düster und besonders die letzten beiden Titel Way out of Here und Sleep Together jagen einem gelegentlich einen kleinen Schauer über den Rücken. Ersterer ist sogar jemandem gewidmet; einem Mädchen, das sich von einem Zug überfahren ließ, während angeblich Porcupine Tree auf ihrem iPod lief. Was wir genau wissen ist, dass sie ein aktives Mitglied des PT-Fandoms war und sogar die MySpace-Gruppe für die Band gründete. Die Lyrics sind, wie eigentlich immer auf Fear of a Blank Planet, aus der Perspektive des Protagonisten geschrieben:

Out at the train tracks / I dream of escape / But a song comes onto my iPod / And I realize it's getting late
And I can't take the staringAnd the sympathyAnd I don't like the questions "How do you feel?""How's it going in school?"And "Do you wanna talk about it?"

Solcherlei intensive Momente werden zum Glück mit ruhigen, auf andere Weise emotionalen Songs kompensiert. My Ashes und Sentimental sind dafür zuständig, aber auch der dritte und finale Teil, genannt Surfer, von Anesthetize. So ergibt sich am Ende ein stimmiges Gesamtbild aus großartigen Höhepunkten und ruhigen Rückzugsmomenten. Angesichts der musikalischen Brillianz aller Songs verzeihe ich gern jegliche pathetische Textzeilen und Redundanz (die Porcupine Tree meiner Meinung nach unverhältnismäßig oft und stark vorgeworfen wird). Fear of a Blank Planet ist der Höhepunkt der Porcupine Tree-Diskographie. Jeder Track ist ein Highlight, Production und Mixing sind perfekt und das Gesamtwerk ist in sich geschlossen, rund. 

9 / 10

Essenzielle Song: "Anesthetize"; "Fear of a Blank Planet"
weitere Highlights: "Way out of Here"; "Sleep Together"


1.1 Anesthetize (Live) (2008)

2008, zum Abschluss der Fear of a Blank Planet-Tour, spielten Porcupine Tree ihr legendäres Konzert in Tilburg (Niederlande), welches noch im selben Jahr als Live-Album- und DVD unter dem Titel Anesthetize (Live) veröffentlicht wurde. Hier führte die Band das gesamte Album zum Anfang des Auftritts live hintereinander und in voller Länge auf. Diese Performance überschattet in vielerlei Hinsicht die Studioversion. Die Energie ist, passend zu den Themen und der Atmosphäre des Albums, live deutlich direkter und verstörender, während Gavin Harrison am Schlagzeug, aber auch Richard Barbieri am Keyboard ihr Spiel auf dem Studioalbum im Vergleich blass aussehen lassen. Für das Konzert sind oftmals auch die Übergänge zwischen den Songs unmittelbarer, was die Konzeptionalität des Albums besser herüberbringt. 

9.5 / 10


1.2 Nil Recurring - EP (2007)

Zusammen mit Fear of a Blank Planet veröffentlichten Porcupine Tree 2007 außerdem die Nil Recurring - EP, die auf der ursprünglichen Vinyl-Auflage sogar mit dem Album selsbt fusioniert war. Nil Recurring enthält vier Songs, die thematisch und motivisch Fear of a Blank Planet referenzieren und soetwas wie die B-Sides zum Album darstellen – nur, dass sie annähernd genauso gut sind wie die Album-Tracks selbst. Die EP zeigt folglich recht eindeutig, dass das Songmaterial und die Aufnahmesessions zu Fear of a Blank Planet wohl die stärksten in Porcupine Tree's Schaffen waren. Es ist fast schon ungerecht wie vergleichsweise wenig beachtet Meisterstücke wie Cheating the Polygraph und What Happens Now sind.

8.5 / 10

Highlights: "Cheating the Polygraph"; "What Happens Now"; "Normal"