Album Review: Bilderbuch – ∞+1

Written by Oskar

Published on 02.11.2026


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Das erste Mal seit 2015 und »Schick Schock« haben sich Bilderbuch ein paar mehr Jahre Zeit gelassen für ein neues Album. Und wie auch damals, veröffentlichten sie in der Zwischenzeit eine EP: »Softpower« signalisierte eine neue Richtung für die Band, wie damals »Feinste Seide«. Statt von Neo-Soul & Cloud Rap beeinflusstem Art Pop oder Soft Rock a la »Gelb ist das Feld«, dominieren Fuzz-Gitarren und hypnagogische Synthesizer das Klangbild. Und noch eine weitere Veränderung ist festzustellen: Statt der einzelnen Bandmitglieder creditet sich die Band nur noch kollektiv als Bilderbuch. Was damals wenig Aufsehen erregt hat, deutet rückblickend auf eine sich verändernde Dynamik innerhalb der Gruppe hin. Wie wir mittlerweile wissen, hat Gitarrist Michael Krammer auf »Softpower« kaum noch mitgewirkt. Dabei hat der mit seinem einzigartigen Gitarrenspiel, das Frontmann Maurice Ernst mal treffend als 'grenzgenial' beschrieb, den Sound der Band in den 2010er Jahren geprägt.

Seitdem kann man aber schon sagen, dass seine Handschrift immer weniger prägend für den Bilderbuch-Sound geworden ist. »∞+1« ist nun sein letztes Album mit der Band gewesen. Es setzt sich fort, was sich auf »Softpower« etabliert hat: ein kollektiver Bandcredit, fuzzige Gitarren, hypnagogische Synthesizer und ein Krammer, der höchstens in einigen Gitarrensoli noch durchscheint. Kein Wunder also, dass viele Fans dachten, auf »∞+1« würde bereits die neue Gitarristin Uche Yara spielen. Stilistisch ist »∞+1« nicht unbedingt eine totale Neuerfindung für Bilderbuch. Zu den Soundelementen und Themen wie Digitalisierung von »Softpower« kommen künstlerischer AutoTune-Einsatz, gesellschaftskritische Themen und vor allem wieder viel Romantik - nichts wirklich neues. Melodisch ist das weniger ansprechend als vergangene Alben und auch die Coolness und Sexiness von Bilderbuch ist durchaus etwas in die Jahre gekommen.

Ebenso ist das politische Messaging von Bilderbuch eher weniger gut gealtert. Hatten »Schick Schock« und »Magic Life« den Finger noch auf dem Puls der Zeit und überzeugten mit recht ausgefeilter Kapitalismuskritik, kam schon 2019 ein erster Riss in die schmucke Fassade. Die Hymne »Europa 22« inklusive digitaler Europapass-Aktion wurde vor allem zum Werbegag für liberale Politiker*innen. Positiv fiel aber trotzdem eine Textstelle auf. "Eine Freiheit, nicht zu denken / I better open my eyes" kann schon als versteckte Kritik an der EU und Realisation von Privileg mit Handlungsempfehlung gedeutet werden. Seit dieser Ara der Band hat Maurice Ernst keine Interviews mehr gegeben - bis zu »∞+1«, dem neuen Album. Vielleicht war das ein Segen, denn was er heute politisch von sich gibt, wirkt aus der Zeit gefallen. Bilderbuch seien aus auf Einigung statt Spaltung. Da wird eine politische 'Mitte' konstruiert und statt ganzheitlicherer Kapitalismuskritik übt Ernst vor allem Konsumkritik.

Dazu passen auch die neuen Songs. »Push Reality« zum Beispiel nimmt in einer grandiosen Textstelle Anstoß am neoliberalen Feminismus und macht als Vertreterin dessen Shirin David aus. Es handelt sich hier um eine berechtigte Kritik, bei der Ernst in Interviews aber Schwierigkeiten hat, sie genauer zu artikulieren und von der er sich schlussendlich ein Stück weit distanziert. Es sei ja auch nicht sein Kampf. Eine ganzheitlichere Einordnung bleibt aus.
Und dann wäre da noch die Lead-Single »Irgendwo«. Hier konzeptionalisiert Ernst Krieg als etwas weit entferntes, das lyrische Ich nicht betreffendes. Das kann mit gutem Willen als nachvollziehbarer Eskapismus gelesen werden, klingt aber auch ein bisschen nach Realitätsverlust. Bilderbuch sind also nicht gerade Vorzeigesozialisten und sogar korrektere Teile des linksliberalen Mainstreams nehmen die Band mittlerweile ins Visier. Schädlich oder so richtig entlarvend ist das Ganze aber kaum und die meisten lauten Kritiker*innen sind im eigenen Denken vermutlich gar nicht so viel weiter gekommen als Maurice Ernst selbst.

Trotzdem ist es natürlich enttäuschend, dass Bilderbuch sich nicht klar oder überhaupt zu wirklich wichtigen Themen politisch positionieren wollen. Es ist nicht so, dass eine solche Positionierung einen messbaren Effekt auf die Welt haben würde, aber sie würde auf persönlicher Ebene für die Band sprechen, wo es die Kunst gerade vielleicht nur so mäßig tut. Dafür, dass mein Urteil über die Band in diesem Komplex so lasch ausfällt, habe ich jetzt schon recht viel Zeit auf diese politische Thematik verwendet. Darum zurück zum Album: Der Titel »∞+1« steht laut vielen für die Anzahl der Studioalben. Tatsächlich handelt es sich hierbei vor allem um einen Fan-Theorie, denn »∞+1« ist Bilderbuchs achtes und nicht ihr neuntes Studioalbum. »Softpower« zu einem solchen zu erheben, ist im Angesicht der gerade einmal 4 Songs á 13 Minuten ziemlich lächerlich.

Was also bedeutet der Titel eigentlich?
Es geht kurz gesagt um Digitalisierung vs. Mensch, Content vs. Künstler*in und um die Frage: Gibt es überhaupt noch Musik (und das ist auf andere Kunstformen denke ich übertragbar), die so noch nicht gemacht wurde? Bei der Menge an als Content vekleidete Kunst und als Kunst verkleideter Content kann man da schon mal dranzweifeln. Bilderbuch kommen aber zu dem Schluss, dass es zu dieser Unendlichkeit ein Plus-Eins gibt: den Menschen zum digital Artifiziellen, die Band Bilderbuch zur Popmusik. In diese Rolle schlüpfen die Österreicher wieder einmal und unüberraschenderweise erfolgreich. Die Fragen, die der Titel aufwirft, und damit systemisch verwandten Probleme verarbeitet die Band intuitiv, persönlich, ästhetisierend, kritisch und hoffnungsvoll in verschiedenen Kontexten. Insofern und musikalisch gibt »∞+1« wieder mehr Bilderbuch als noch »Gelb ist das Feld«. Gleichzeitig bleibt ein Gefühl von Fernweh und Sehnsucht.

In vielen Songs geht es um turbulente Liebe, Beziehungen mit (zumindest teilweise ungewollter) Distanz physischer und nachgeordnet auch emotionaler Natur. Kontrastiert wird das manchmal wiederum mit Idealvorstellungen intensiver Nähe oder realen Rückfällen in die Intimität. Das sind Themen, Motive und Lebenssituationen, die schon »Gelb ist das Feld« auf bilderbuchige, aber auch sehr andere Weise verabeitet hat - und die sich ebenfalls durch vergangene Werke ziehen (»Gibraltar« auf »Schick Schock« und »Checkpoint (Nie Game Over)« auf »mea culpa«). Man bekommt das Gefühl, Maurice Ernst beschäftigt seit über 10 Jahren die eine große On-off-Beziehung in seinem Leben. Dabei spielt er immer bewusst, aber trotzdem unverfroren und authentisch mit der Romantisierung dieser als die eine große Liebe. Möglicherweise mischt sich hier aber auch etwas Platonisches hinein. Wer Bilderbuch kennt, weiß, dass romantisch lesbare Songs wie »Zwischen deiner und meiner Welt» eigentlich von der Freundschaft von Ernst mit Michael Krammer handeln, der nun nicht mehr Teil der Band ist und sich distanziert.

Insofern ist »∞+1« zumindest für mich als Hörer auch der tragische Abgesang auf einen der besten Gitarristen der letzten 10-15 Jahre, der vielleicht den Stecker genau zur richtigen Zeit aus seinen Effektgeräten und Verstärkern gezogen hat. Vielleicht erleben wir mit »∞+1« das letzte richtig gute, sympathische Bilderbuch-Album. So ganz möchte ich Maurice Ernst & Co. dann aber doch nicht abschreiben. Immerhin war es in der »Schick Schock«-Ära auch maßgeblich Drummer Phillip Scheibl, der den Stilbruch der Band florieren lassen hat. Und Synthesizer-beladene Meisterwerke wie »Taxi Taxi« gehen wiederum auf den Bassisten Peter Horazdovsky zurück. Mit Uche Yara kommt zudem frischer Wind in die Band: eine fantastische Gitarristin, die sehr coole eigene Musik produziert und veröffentlicht, eine FLINTA*- und POC-Perspektive in der Band, der Gen Z-Gegenpol zum sich andeutenden Millenial-Cringe in Ernsts politischen Takes? Jedenfalls: Für jetzt haben Bilderbuch einmal mehr - wenn auch knapp mit ihrem schwächsten Album seit ihrem Stilbruch - den Nachweis geliefert, warum sie die beste 'deutschsprachige' Band der letzten 15 Jahre sind.