
Written by Oskar Vier
Published on 21.11.2025
Ich küre meine 30 (und mehr) liebsten Alben des Jahres!
Mit 2025 geht ein weiteres, wirklich hervorragendes Musikjahr zu Ende, dem ich aus Kapazitätsgründen nur eine Top 30 widmen kann – auch wenn eine Top 40 oder Top 50 aus meiner Sicht angebrachter wäre. Die Alben, die es nicht reingeschafft haben, werden dann in den Honorable Mentions vor der Top 10 Erwähnung finden…
Trotzdem war 2025 insgesamt wohl nicht das beste Jahr der 2020er bisher. Da würde ich es auf Rang 3 hinter 2022 und 2024 einordnen. Mal ganz davon abgesehen, dass sich politische Lagen in den sogenannten Ländern des globalen Nordens weiter verschärfen. Zynisch gesagt haben wir das als Ausbeuter Nr. 1 des Planeten und der Menschen aber vielleicht auch verdient. Beschissenerweise leiden unter solchen Entwicklungen auch hierzulande zuerst immer die Unterprivilegiertesten. Falls es ein Trost ist (es ist keiner), garantiere ich aber, dass es am Ende auch die Aristokraten der Welt erwischen muss…
Naja, genug davon. Wenden wir uns wieder der Musik zu, die als System Eskapismus und Spiegel der Wirklichkeit zugleich ist. Die Liste an sich ist dagegen wohl ersteres in purer Form, zumindest für mich als Schreiber. Neben dem Ranking vergebe ich dieses Jahr spaßenshalber (und um die Top 30 etwas genauer einzuordnen) auch kleine “Awards” an die Alben. Was das genau heißt, seht ihr dann… (es sind quasi Listen in der Liste).
Ich hoffe, ihr findet was Schönes für euch hierdrin oder könnt zumindest fröhlich mitnicken, wenn ihr ähnlicher Meinung seid und euch aufregen, wenn ihr ganz anderer seid. Meldet euch gerne mit allem Feedback und jetzt viel Spaß.
+++ Agriculture kombinieren chaotisches Gitarrenspiel und das Kreischen des Black Metal mit introvertierten Indie Rock-Passagen und -Elementen, um ihre Spiritualität darzustellen +++
Genre: Blackgaze / Post-Black Metal / Avant-Garde Metal
Descriptors: #chaotic #spiritual #dense #noisy #buddhist #heavy #dreamy #passionate
Awards: #3 Metal Album of 2025, Underrated Albums, Best Guitar Solos
Der eklektische Genremix von Agriculture findet seinen Höhepunkt am Beginn des zweiten Songs von “The Spiritual Sound” – “Flea” – wo Blast Beats, ätherische Black Metal Riffs und Gekreische erst auf Spoken Word treffen und sich dann in einen sanften Galopp-Rhythmus mit melodischer Basslinie unter verträumten Gitarrenklängen und weichem, verhallten Frauengesang wandeln. Es ist ein Song, der einen erst ins Chaos stürzt, dann zum Schweben bringt und letztlich in einem ekstatischen Gitarrensolo kulminiert. Mit nahtlosen Transitions schafft es die Band dieses Momentum über das ganze Album hinweg aufrechtzuerhalten. Dabei gelingen immer wieder Überraschungen, aberwitzige Wendungen und neue überwältigende Öffnungen in der Musik.
Highlights: “Flea”, “My Garden”, “Bodhidharma”, “Hallelujah”, “The Reply”, “Micah (5:15am)”
+++ Big Thief gucken nach oben zu den Sternen und träumen +++
Genre: Folk Rock / Indie Rock / Neo-Psychedelia
Descriptors: #bittersweet #soft #existential #bittersweet #sentimental #poetic
Awards: #3 Folk Album of 2025
Bisher waren die Alben der Band um Adrianne Lenker und Buck Meek immer geerdet in Folk und noch früher auch in leicht angenoistem Indie Rock. Jetzt wenden sich Big Thief der (doppelten) Unendlichkeit zu. Sie gucken nach oben und träumen, wie es bisher maximal an wenigen Stellen auf dem überlangen (und überguten) Vorgänger “Dragon New Warm Mountain I Believe In You” der Fall war. Dadurch fällt der Sound besonders zu Beginn des Albums synthielastiger und psychedelischer aus. Mit dem intensiven Träumen hebt der große Dieb ab und gerät beim sentimentalen Nachdenken über den Fluss der Zeit ins Schweben und Leuchten. Schade ist höchstens, dass die Band es dann doch nicht ganz schafft, das bis zum Schluss durchzuhalten. Von Song zu Song wird's immer traditioneller und doch wieder geerdeter. Vielleicht ist das aber auch Teil der Reise: vom Philosophieren über die unbegreifbare Unendlichkeit zurück auf den Boden der Tatsachen.
Highlights: “All Night All Day”, “Los Angeles”, “Words”, “Incomprehensible”, “How Could I Have Known”
+++ Die Tradition des Deep House setzt sich 2025 in Rochelle Jordan fort +++
Genre: Deep House / Alternative R&B / Dance-Pop
Descriptors: #sensual #lush #pulsating #smooth #nocturnal #hypnotic #hedonistic
Awards: #7 Best Pop Album of 2025, Underrated Albums
Ein Album wie “Through the Wall” hat im grandiosen Musikjahr 2024 gefehlt. Ansonsten reiht sich Rochelle Jordan nahtlos ein in eine Tradition der 2020er ein, ein großartiges Deep House pro Jahr zu liefern: Beyoncés “RENAISSANCE” in 2022, Kelelas “Raven” in 2023. Die Beats sind tief und luxuriös, sodass Jordan nicht selten den Alternative R&B der ‘90er streift, und die Texte sind sinnlich und hedonistisch. Auf “Through the Wall” findet sich nicht ein Song, der auch nur ansatzweise daneben geht. Bei einem Album mit 17 Songs und einer Stunde Laufzeit, liegt genau darin der Zauber, aber auch die Gefahr zu repetitiv und gleichförmig zu werden. Im Gegenzug kann man aber locker irgendwo in der Mitte des Albums einfach einsteigen und sich in eine Welt von Tanz und Nachtleben entführen lassen – ohne Nachzüge. Durch die Wand geht’s damit aber nicht.
Highlights: “Ladida”, “Bite the Bait”, “Doing It Too”, “Sum”, “On 2 Something”, “Crave”, “The Boy”, “Sweet Sensation”
+++ JvB leiten ihren punkigen, tanzbaren und humorvollen Hip Hop in etwas Tiefgründigeres um +++
Genre: Hardcore Hip Hop / Hip House / Pop Rap / East Coast Hip Hop
Descriptors: #nostalgic #energetic #humorous #boastful #anthemic
Awards: #9 Best Hip Hop Album of 2025
“HYPERYOUTH” ist sowas wie eine Ode an das richtige Leben. Anstelle von Spaß und Angebereien stärken Joey Valence & Brae auf ihrem dritten Album ihren Hörer*innen mit echten Weisheiten den Rücken. Sei einfach du selbst, hab Spaß und lebe gut. Insofern proklamieren sie “HYPERYOUTH” auch als eine Art Gegenprogramm zum Zeitgeist des Nonchalantseins. Hängen bleiben dabei vor allem die wirklich fantastischen Leadsingles “WASSUP” und “HYPERYOUTH / LIVE RIGHT” und alle Songs, die ähnlich energetisch und tanzbar daherkommen. Ganz am Höhepunkt einer Entwicklung sind JvB genau deswegen aber noch nicht angekommen, denn was auf dem Vorgänger “NO HANDS” schon funktioniert hat – und dort auch noch ausschließlich aufzufinden war – funktioniert zwar diesmal noch besser, die neuen langsameren und nachdenklicheren Songs bleiben dagegen jedoch etwas auf der Strecke. Das heißt nicht, dass sie nicht gut sind, sie gehören nur eben noch nicht zu dem, wofür ich JvB anschmeiße.
Highlights: “LIVE RIGHT”, “HYPERYOUTH”, “WASSUP”, “BUST DOWN”, “SEE U DANCE”, “BILLIE JEAN”, “THE PARTY SONG”
+++ Black Country, New Road etablieren sich erfolgreich neu – mit viel Magie, Farbe und Freundschaft als Eckpfeiler einer neuen Richtung +++
Genre: Art Rock / Baroque Pop / Progressive Pop
Descriptors: #whimsical #lush #pastoral #melodic #playful #bittersweet #bright #wholesome
Awards: #4 Best Rock Album of 2025
Es war 2022 noch ein anderes Black Country, New Road, das mit “Ants From Up There” den ersten Platz meiner Lieblingsalben des Jahres belegt hat. 3 Jahre später, mit einem und noch einem Sänger weniger, und zweien und noch einer Sängerin mehr, ist endlich der Nachfolger erschienen. “Forever Howlong” macht ganz vieles so richtig anders als “AFUT” in 2022 und “Live at Bush Hall” in 2023/24 und ist dabei zwar das schwächste BC, NR Album bisher, aber trotzdem immer noch ein Neuanfang, der gelobt werden muss. Das Album besteht aus elf Einzelkompositionen, die inhaltlich so wenig verbindet, wie es auf einem BC, NR Album vorher nie der Fall war. Stattdessen dürfen sich die Frontfrauen Georgia Ellery, Tyler Hyde und May Kershaw in aller Ambition ausbreiten. Demzufolge reichen die Stücke von recht kurz bis recht lang und von suizidal bis süß-fröhlich. Gemein haben sie ihre verschnörkelten, vielschichtigen Strukturen, Melodien, Geschichten und Instrumentationen. Das Ganze klappt manchmal fantastisch und meist sehr gut bis solide – und so geht es in “Forever Howlong” auf bruchstückhafte Weise bergauf und bergab bis man dann doch wieder ganz verliebt ist in Black Country, New Road.
Highlights: “Happy Birthday”, “Nancy Tries to Take the Night”, “Besties”, “For the Cold Country”, “Two Horses”
+++ Oklou debüttiert mit einem wegweisenden Electronic-Album +++
Genre: Alt-Pop / Indietronica / Ambient Pop
Descriptors: #minimalist #soothing #ethereal #soft #peaceful #mellow #cold #aquatic
Awards: #3 Best Electronic Album of 2025, #6 Best Debut Albums of 2025, Underrated Albums
“choke enough” ist wohl eines der am schwierigsten zu rankenden Alben des Jahres. Es ist faszinierend, minimalistisch, gefühlvoll und vielleicht sogar wegweisend für den Electropop, steht es doch im Gegensatz zum lauten, maximalistischen Hyperpop-Zeitgeist. Gleichzeitig macht sich Oklou auf eine Art und Weise ungewollt klein mit ihrer künstlerischen Richtung. Wer in so einer Zeit auf leise Klänge ohne Bombast, Musik größtenteils im Piano, spärliche Synthesizer und die kleinen, alltäglichen Emotionen setzt, wird wohl kaum das größte Aufsehen erregen oder die Welt verändern. Offensichtlich braucht es aber genau das auch. Für mich ist “choke enough” vor allem herausragend anders und besetzt eine Nische. Nur wenige, wenn überhaupt irgendwelche Songs, werden am Ende 2025 mitdefiniert haben – und so ist es nicht das beste Album des Jahres, aber eines der klarsten und schönsten künstlerischen Statements.
Highlights: “blade bird”, “harvest sky”, “endless”, “take me by the hand”, “choke enough”
+++ SSIO kehrt zu dem zurück, was er am besten kann +++
Genre: Deutschrap / Hardcore Hip Hop / Boom Bap / G-Funk / Trap
Descriptors: #humorous #provocative #bouncy #boastful #urban #vulgar #energetic #hedonistic
Awards: #8 Best Hip Hop Album of 2025, #3 Best Non-English Album of 2025, #1 Best German Album of 2025, #3 Best Comeback Albums of 2025, Best Album Rollouts
Mit “0,9” hat SSIO 2015 einen Klassiker des Deutschrap vorgelegt. Darauf zu finden: Boom Bap-, Jazz Rap- und G-Funk-Beats gepaart mit humorvoll-provokanten Texten, in denen SSIO sich abwechselnd als Crime Boss (konkret als Drogenkönig oder Zuhälter), King of Rap und Sexgott darstellt. Schon damals erreicht er damit eine Masse an Menschen, die über sein eigenes Milieu hinausgeht. 10 Jahre später hat sich das kaum geändert – und das trotz einer eher durchwachsenen musikalischen Zwischenzweit. Und so heißt es auf dem Eröffnungs- und Titelsong im Refrain sogar ganz wahrheitsgemäß: “SSIO, 10 Jahre King of Rap”. Genau zu seiner Blütezeit von vor 10 Jahren mit “0,9” kehrt SSIO auf “Alles oder Nix” auch endlich musikalisch zurück – nur mit dem ein oder anderen Trap-Beat mehr und zeitgemäß geupdateten Lyrics, mit denen er zwar immer noch kompromisslos Konventionen bricht, aber auch mal subtil (wenn auch immer in Abgrenzung) mit Wokeness und linkem Milieu kokettiert, gegen Friedrich Merz austeilt und aktuelle Memes und Jugendsprache einbezieht. SSIO besinnt sich also nicht nur zurück auf seine Stärken, sondern er hat auch seine Finger mehr auf dem Puls der Zeit als je zuvor, wodurch “Alles oder Nix” zum besten wird, was man sich von ihm in 2025 hätte wünschen können.
Highlights: “Alles oder Nix”, “Sei mal ehrlich”, “BWL”, “Keine Option”, “Seepferdchen Pass”, “Tut den Song in eure Playlist und macht viele TikToks”, “Ich bin raus”, “Dein Leben ist gefickt”, “In meinem Block”
+++ Ninajirachi liebt ihren Computer und das erlebt man in dem Album wirklich intensiv mit +++
Genre: Electro House / Electropop / Bubblegum Bass
Descriptors: #bouncy #quirky #playful #dense #energetic #introspective #futuristic
Awards: #2 Best Electronic Album of 2025, #5 Best Debut Albums of 2025, Best Album Rollouts, Underrated Albums
Komplett selbstproduziert kommt Ninajirachi mit dem überraschendsten Debütalbum des Jahres um die Ecke. Dabei scheint ihre Leidenschaft für elektronische Musik und ihre Genialität an allen Ecken und Enden durch. Auf YouTube Shorts kann man sich u.a. angucken, wie Ninajirachi zu ihren Sounds kommt: Einfach mal ein paar Geräusche aus dem Alltag aufnehmen und als Percussion loopen. Ninajirachi kombiniert das dann mit profanen, ehrlichen und manchmal auch recht humorvollen Texten. Auf “Sing Good” wird's berührend introspektiv, in “Fuck My Computer” geht's natürlich darum, dass man Sex mit dem eigenen Computer haben will, weil der einen am besten kennt, und im “London Song” erzählt uns Nina, dass sie noch nie in London war. Alles zusammen genommen, macht das eines der coolsten, quirkiesten, most relatable Alben des Jahres – yay!
Highlights: “Fuck My Computer”, “iPod Touch”, “All I Am”, “Delete”, “London Song”, “Sing Good”
+++ Earl Sweatshirt liefert endlich das lang versprochene Album über's Vatersein und klingt dabei optimistischer als je zuvor +++
Genre: Abstract Hip Hop
Descriptors: #summery #introspective #inspiring #warm #mellow #lethargic #hazy
Awards: #7 Best Hip Hop Album of 2025
In Earl Sweatshirts Karriere zeichnet sich mit jedem Album mehr der Trend Richtung Glück im Leben ab. “Live Laugh Love” hat zwar noch seine bittersüßen Seiten, insgesamt geht es aber schon als warmes, gemütliches und doch weiterhin etwas verquarztes Sommeralbum durch. Strukturell bleibt Thebe Kgositsile dabei größtenteils beim Altbewerten: kurze Songs, Texte im Gedankenstrom, nuschelige Raps und jazzig-soulige Lo-Fi-Beats. Das ist mehr “Some Rap Songs” als “SICK!”, wo Earl Sweatshirt sich zumindest ein wenig in neue Gefilde gewagt hatte, und so stellt sich schon die Frage, was als nächstes kommen kann oder gar muss. Ein letztes Mal funktioniert's aber noch grandios auf “Live Laugh Love”.
Highlights: “TOURMALINE”, “exhaust”, “Gamma (need the <3)”, “Heavy Metal aka ejecto seato!”, “CRISCO”
+++ Bad Bunny überzeugt sogar seine harschsten Kritiker mit seinem besten sowie einem erstaunlich guten und tiefgründigen, siebten Album +++
Genre: Reggaetón / Latin Pop / Caribbean Music
Descriptors: #patriotic #eclectic #tropical #rhythmic #conscious #sexual #bittersweet #political
Awards: #6 Best Pop Album of 2025, #2 Best Non-English Album of 2025, Future Classics
Andere Leuten wären würdiger über Bad Bunnys 2025er Album zu reden. Mir steht die Sprachbarriere im Weg und ehrlich gesagt, ist das auch okay so: Mir reicht die Musik, denn sie erzählt Bände und macht sehr viel Spaß. “DeBÍ TiRAR MáS FOToS” ist eine unfassbar eklektische Sammlung an Songs, bei denen sich Bad Bunny durch puerto-ricanische Musikgeschichte sampelt, und das mit modernem Latin Electronic zusammenführt. Die Songs fallen mal anthemisch, mal festlich, mal tanzbar, mal schlicht electropoppig aus. Aus all dem muss man sich, finde ich, so ein bisschen die Favoriten zurechtsuchen, denn als Ganzes gibt es an “DeBÍ TiRAR MáS FOToS” eigentlich nur auszusetzen, dass es etwas übervölkert ist und nicht alle Songs dem hohen Anspruch gerecht werden, den die Highlights, die musikalisch spannenden Songs und die inhaltlich politischen Songs des Albums setzen. Trotzdem gibt es hier eine Entwicklung, eine Hülle und Fülle an Material und eine kulturelle Bewusstheit zu bestaunen, die wenig anderes zulässt, als einen Platz unter den besten Alben des Jahres.
Highlights: “NUEVAYoL”, “DtMF”, “BAILE INoLVIDABLE”, “CAFé CON RON”, “EL CLúB”, “VOY A LLeVARTE PA PR”, “LA MuDANZA”, “PIToRRO DE COCO”, “PERFuMITO NUEVO”
+++ Auf ihrem ersten Album seit 7 Jahren verarbeitet Lily Allen die traumatische Trennung von ihrem Mann David Harbour – wie immer mit ungefiltertem Schreiben +++
Genre: Alt-Pop / Singer-Songwriter / Bedroom Pop / Indietronica
Descriptors: #introspective #insecure #anxious #angry #cynical #provocative #depressive #melancholic
Awards: #5 Best Pop Album of 2025, #2 Best Comeback Albums of 2025
Musikalisch ist “West End Girl” ein funktionaler Mischmasch aus allem, was aktuell in der Popmusik funktioniert. Meist ist das weder stilistisch, noch liedmacherisch außergewöhnlich. Bliebe es bei dieser Ebene wäre Lily Allen mit “West End Girl” also wohl kaum in dieser Liste zu finden, aber das Album überzeugt umso mehr mit seinem vor allem zu Beginn starken roten Faden und ungefiltertem, ungekünsteltem Schreiben. Die Texte ziehen einen vollständig in Allens Gedanken- und Lebenswelt während sie von ihrem Mann betrogen wird, eine offene Beziehung debattiert, mit dem Verrat hadert und versucht ihre neue Lebenssituation zu akzeptieren. Dabei scheint sie wenig Details auszusparen und kaum etwas dazuzudichten. Der Geschichte, die das Album erzählt, fehlt es nicht an Authentizität und auch nicht an Schockfaktor, Herzschmerz und Biss. Darum ist es die richtige Entscheidung, Lily Allens Gesang und damit ihre Texte in den Vordergrund zu stellen. Die Musik unterlegt das alles herausragend, sodass es einen sogar eher rausreißt, wenn sie sich mal in den Mittelpunkt drängt, wie beim Specialist Moss-Feature auf “Nonmonogamummy”.
Highlights: “Pussy Palace”, “West End Girl”, “Madeline”, “Fruityloop”, “Sleepwalking”, “Tennis”, “4chan Stan”, “Dallas Major”, “Let You W/n”
+++ Hip Hops East Coast-Großstadt-Eremit flowt sich gemütlich durch 24 ultra gefühlvolle Jazz-Rap Beats +++
Genre: Abstract Hip Hop / Jazz-Rap / Drumless
Descriptors: #spiritual #soulful #hazy #mellow #psychedelic #conscious #warm
Awards: #6 Best Hip Hop Album of 2025, Underrated Albums
24 Songs klingt erstmal viel, macht aber am Ende doch nur knapp 48 Minuten. Aber wenn die Songs so kurz sind, dann kann doch kaum was Konsequentes bei rauskommen, oder? Nicht bei MIKE, der durch einen Haufen unglaublich schöne und spannend produzierte Samples problemlos von Gefühl zu Gefühl führt. Die Songs gehen alle ineinander über und so weiß man eigentlich beim ganzen Hörerlebnis nicht wo vorne und wo hinten ist – und ist am Ende verwundert, wie viel doch hängengeblieben ist. Als ich MIKE dieses Jahr live gesehen habe, da haben mich einige Sachen an ihm sehr beeindruckt: Das große Herz, die mühelose, unkonventionelle Coolness und so eine unbändige Lebensenergie. MIKE interagiert die ganze Zeit mit der Crowd, macht Übungen mit ihr und motiviert alle, sich zu beteiligen. Ich finde, das offenbart so ein bisschen, was eigentlich in “Showbiz!” steckt: Das ist eben nicht nur chillige Hintergrundmucke, sondern entfaltet eine spirituelle Kraft.
Highlights: “Man in the mirror”, “Then we could be free..”, “Bear Trap”, “Burning House”, “Watered down”, “Strange Feeling”, “Clown of the Class (Work Harder)”, “Pieces of a Dream”, “Artist of the Century”, “Miss U”, “You're the Only One Watching”, “Showbiz! (Intro)”
+++ Kali Uchis setzt alle Karten auf Liebe und Familie +++
Genre: Pop Soul / Smooth Soul
Descriptors: #sugary #lush #smooth #mellow #ethereal #sensual #romantic #introspective #existential
Awards: #1 Best R&B/Soul Album of 2025
2024 hatte Kali Uchis mit “ORQUÍDEAS” ihr bisher peppigstes Album vorgelegt. Fast alle Lyrics waren auf Spanisch und stilistisch gab sich Uchis vor allem beeinflusst von Reggaetón und Afropiano. Innerhalb ihrer Diskographie ist “Sincerely,” quasi das absolute Gegenprogramm dazu, und erinnert noch am ehesten an “Red Moon in Venus” von 2023. Die Songs sind wieder alle auf Englisch, aber darüber hinaus setzt Uchis jetzt vor allem auf warmen, oft psychedelisch angehauchten und organisch instrumentierten Smooth Soul. Mich erinnert das sogar ein bisschen an Tame Impalas “Currents”, nur dass wir es hier nicht mit einem introspektiven Pop-Rock-Breakup-Album, sondern mit einem überzuckerten Pop-Soul-Liebesalbum zu tun haben. “Sincerely,” ist eine Liebeserklärung von Kali Uchis an ihren Mann Don Toliver und ihr gemeinsames Kind – und da geht sie wirklich all-in. Kein Song weicht davon thematisch ab und auch musikalisch läuft alles ineinander. Das alles führt dazu, dass “Sincerely,” locker als das bisher kohärenteste Kali Uchis-Album durchgeht, die Songs aber eben auch ein bisschen miteinander verschmelzen und sich manchmal etwas zu viel Zeit lassen, zur nächsten Idee überzugehen. Oder metaphorisch gesagt: Zwischendurch fühlt man sich als Hörer*in etwas überzuckert. “Sincerely,” macht das aber wett mit einigen richtig tollen Performances der Band, tollen Übergängen und Switch-ups auch innerhalb der Songs, Kali Uchis' besten Vocal Performances überhaupt und einem fantastischen letzten Viertel von “Angels All Around Me…” bis “ILYSMIH”. Für mich “Sincerely,” bisher das beste Kali Uchis-Album, aber da geht definitiv noch mehr!
Highlights: “Sunshine & Rain…”, “Sugar! Honey! Love!”, “Angels All Around Me…”, “ILYSMIH”, “Heaven Is a Home…”, “Lose My Cool,”, “Fall Apart,”
+++ Nach einem überlangen Rollout hat JADE (von Little Mix) 2025 endlich ihr Debütalbum veröffentlicht und direkt mal einen Kandidaten für das Dance-Pop-Album des Jahres vorgelegt +++
Genre: Dance-Pop
Descriptors: #energetic #theatrical #melodic #playful #bright #rebellious
Awards: #4 Best Pop Album of 2025, #4 Best Debut Album of 2025, Underrated Albums
Ich habe echt lange auf dieses Album gewartet. Die erste Single “Angel of My Dreams” – übrigens einer der besten Pop-Songs der letzten Jahre – ist im Juli 2024 erschienen! Aufmerksam auf JADE geworden bin ich dann im September ‘24 mit “Midnight Cowboy” und die dritte Single “Fantasy” aus dem Oktober war einer meiner meist gehörten Songs Ende 2024 und Anfang 2025. Das ist ein Song, der sich selbst vor Madonna-Klassikern nicht verstecken muss! Weitere drei Singles und noch ein Jahr später und im September dieses Jahr war es endlich soweit und, was soll ich sagen, “THAT’S SHOWBIZ, BABY!” hat nicht enttäuscht. Neben dem überlangen Rollout gibt es eigentlich nur eine weitere Sache zu kritisieren, nämlich dass alle Singles aus irgendeinem Grund am Anfang des Albums aneingereiht sind. Funktioniert zwar an sich gut; ich würde das also nicht aus Tracklisting-Gründen ablehnen, aber leider führt es dazu, dass man am Anfang alle Songs zu hören bekommt, die man schon kennt und schon toll findet und dann mit einer geballten Ladung neuem Material konfrontiert ist. Das führt wiederum schnell dazu, dass man allein aus der Vertrautheit heraus die zweite Hälfte des Albums deutlich schwächer findet, obwohl das vielleicht gar nicht wirklich der Fall ist. Ich würde sagen, ein bisschen was Wahres ist trotzdem dran, aber insgesamt ist “THAT'S SHOWBIZ, BABY!” würdig einfach von vorne bis hinten auf einer Party abgespielt zu werden. Dabei hilft auch, dass JADE so viele Stimmungen, Themen und musikalische Stile erfolgreich abdeckt – und so ist “THAT'S SHOWBIZ, BABY!” sehr sehr nah dran am perfekten Debütalbum!
Highlights: “Fantasy”, “Angel of My Dreams”, “IT girl”, “Unconditional”, “FUFN (Fuck You For Now)”, “Midnight Cowboy”, “Headache”, “Self Saboteur”, “Before You Break My Heart”
+++ Die Underground Hip Hop-Sensation des Jahres von John Michel & Anthony James wirft uns zurück in die 2000er mit maximalistischem Chipmunk Soul +++
Genre: Chipmunk Soul / Conscious Hip Hop / Jazz Rap
Descriptors: #maximalist #triumphant #dense #uplifting #boastful #bright #energetic
Awards: #5 Best Hip Hop Album of 2025, #3 Best Debut Album of 2025, Underrated Albums
Unter jungen Hip Hop-Fans hat dieses Jahr kaum ein Underground-Album solche Wellen geschlagen wie “Egotrip” von John Michel & Anthony James. Nachdem Kanye West – der Chipmunk Soul-Produzent schlechthin – seit über 5 Jahren regelmäßig die wahnsinnigsten Takes zu Politik und Gesellschaft von sich gibt, sind viele seiner Sachen für viele Leute unhörbar geworden. Gerade seine alten Alben werden aber immer noch universell sehr hoch gehandelt, und die haben, zusammen mit von ihm für andere Rapper produzierte Alben, den Chipmunk Soul in den 2000ern zu einem globalen Phänomen gemacht. Genau dahin zurück versetzen einen John Michel & Anthony James auf ihrem gemeinsamen Debütalbum, nur dass sie an die Sache noch maximalistischer rangehen. Anthony James legt hier Vocal Samples und Jazz- und Soul-Instrumentals gnadenlos in Massen übereinander und liefert sich so regelrecht einen Kampf um die musikalische Dominanz mit MC John Michel, der sich nur aufgrund seines äußerst expressiven Rapstils behaupten kann. In Kombination ist das auf Albumlänge ein fast erschöpfend dichtes und grelles Hörerlebnis. Wenn man damit klarkommt, ist “Egotrip” aber vor allem ein triumphales, aufrichtendes Hip Hop-Album, das einen an die Hochzeit des Genres erinnert.
Highlights: “NOBODY”, “Egotrip”, “ONEWAY”, “Don't Save Me”, “PREACHER!”, “world's end”, “Take No More”
+++ Mit der Rückkehr von Nick Raskulinecz als Produzent knüpfen Deftones an ihre Hochzeit Anfang der 2010er an +++
Genre: Alternative Metal / Post-Hardcore / Shoegaze
Descriptors: #heavy #cold #dreamy #punchy #distorted #ethereal #atmospheric #dense #agressive
Awards: #2 Best Metal Album of 2025
“private music” setzt den Trend fort, dass auf den Covern der besten Deftones-Alben immer ein weißes Tier abgebildet sein muss: “White Pony” hatte das namensgebende Pferd in weiß, “Diamond Eyes” eine weiße Eule und das neue Album besticht mit einer weißen Schlange auf knallgrünem Grund. Das passt auch, war doch “Diamond Eyes” das erste Album mit Nick Raskulinecz hinter'm Pult. Jetzt ist er wieder zurück und Deftones liefern ihr bestes Album seit “Koi No Yokan”. Insgesamt bleiben sie dabei ihrem Sound treu. Viele Überraschungen gibt es nicht, abseits vielleicht vom Synth-Outro von “souvenir”. Dafür ist die Songqualität konstant wieder richtig hoch, nicht so auf dem durchwachsenen Vorgänger “Ohms”. Und auch vor der maximalen Verträumheit, abstraktem Shoegaze und poetischer Sinnlichkeit schrecken Deftones nicht zurück. Insofern passt “private music” gut in den Zeitgeist. Herausstechen aus der Diskographie tut “private music” trotzdem dadurch, dass es das vielleicht kohärenteste Deftones-Album ist. Die Band wechselt nicht mehr so erkennbar aggressivere Songs mit Verträumterem ab, sondern mischt das fröhlich durcheinander und verbindet alles mit schönen Übergängen. Damit schafft “private music” was Deftones sonst nur auf “Koi No Yokan” gelungen ist: Das Album fühlt sich wie eine richtige Reise an.
Highlights: “milk of the madonna”, “infinite source”, “i think about you all the time”, “souvenir”, “departing the body”, “my mind is a mountain”
+++ Mit “Cancionera” bewegt sich Natalia Lafourcade wieder ein Stück weiter in Richtung ihrer Wurzeln in der mexikanischen Folkmusik +++
Genre: Singer-Songwriter / Mexican Folk Music / Bolero / Chamber Jazz
Descriptors: #soft #tropical #acoustic #lush #soothing #pastoral #melodic #mellow #romantic
Awards: #2 Best Folk Album of 2025, #1 Best Non-English Album of 2025
Für mich aus der westlich-europäischen, anglozentristischen (oder so) Musikschule ist es schwierig den Wandel von Natalia Lafourcades Magnum Opus “De Todas Las Flores” aus 2022 zu “Cancionera” zu beschreiben. Das neue Album ist erdiger, tropischer, weniger jazzig und mehr folkig, verliert aber doch wenig an Chamber Jazz-Elementen. Ich würde sagen, es ist ein Schritt weg von den Einflüssen amerikanischen Pops (insbesondere Jazz Pop bzw. Vocal Jazz) und hin zu Lafourcades Wurzeln in der mexikanischen (und weitergefasst lateinamerikanischen) Folkmusik. Oder in einfacher Filmmetapher – und sicherlich nebenbei etwas klischeehaft – gesprochen: Das hier gibt mehr “Der Pate”, z.B. im eröffnenden Instrumentalstück “Apertura Cancionera” und dem folgenden Titelsong. Soll heißen: “Cancionera” hebt sich stilistisch ab von “De Todas Las Flores” und fügt Neues zum Kanon von Natalia Lafourcade hinzu. Deshalb stört es auch nicht, dass es nicht ganz so fabelhaft ist. Das liegt vor allem an ein paar Songs, die eben nicht an die Highlights von beiden Alben anschließen können, wie “Amor Clandestino”, “Mascaritas de Cristal” oder “La Bruja - Version Cancionera”. “Cancionera” fühlt sich in seiner Mitte darum nicht ganz so stringent an wie “De Todas Las Flores” und Lafourcade hängt an sein Ende zwei eher unnötige Bonus Tracks an. Dennoch bleibt sie mit dem Album eindeutig in der Hochphase ihres musikalischen Schaffens.
Highlights: “Cancionera”, “El Palomo y La Negra”, “Apertura Cancionera”, “Lágrimas Cancioneras”, “Cocos en la Playa”, “Luna Creciente”, “Como Quisiera Quererte”, “Cariñito de Acapulco”
+++ Die diesjährige Dezember-Singer-Songwriter-Überraschung kommt aus der Windmill Szene +++
Genre: Indie Folk / Singer-Songwriter
Descriptors: #sentimental #longing #melancholic #romantic #introspective #pastoral #lush #melodic #passionate
Awards: #1 Best Folk Album of 2025, #2 Best Debut Album of 2025, Underrated Albums
Letztes Jahr kam im Dezember ein Album raus, das dieses Jahr einen der größten aufstreben Stars in Singer-Songwriter- und Frontmann-Gefilden hervorgebracht hat: Cameron Winter. Dass sein Solodebüt so große Wellen geschlagen hat, ist mittlerweile wohl auch dafür verantwortlich, dass seine Band Geese in diesem Jahr endlich die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient.
Dieses Jahr im Dezember ist es Dove Ellis, der mit einem Singer-Songwriter-Album debütiert und – wie 2024 Winter – gleich Vergleiche zu den ganz Großen hervorruft. Für mich klingt das wie Jeff Buckley und Thom Yorke, wenn die Indie Folk gemacht hätten. Der Gesang ist dementsprechend fantastisch und auch die Songs sind so gut, als würde Ellis schon Jahre lang Alben veröffentlichen. Darum würde es mich auch nicht wundern, wenn wir “Blizzard” Ende 2026 dann auf vielen Toplisten finden. Ich dagegen bin, wie jedes Jahr, vernünftig und packe Alben aus einem Jahr auch in die Listen aus diesem Jahr.
Highlights: “Love Is”, “Little Left Hope”, “Pale Song”, “When You Tie Your Hair Up”, “To The Sandals”
+++ Hey Pink, ich freue mich auch, dich kennenzulernen! +++
Genre: Dance-Pop / UK Garage
Descriptors: #playful #bouncy #rhythmic #energetic #uplifting #romantic
Awards: #3 Best Pop Album of 2025, #1 Best Mixtape of 2025
Ich bin vage auf PinkPantheress aufmerksam geworden, als sie ihr kontroverses Debütalbum “Heaven Knows” veröffentlicht hat. Die Popmäuse fanden, dass war ein cooles Album. Die edgy Musiknerds fanden es war die Personifizierung der Musik-TikTokifizierung. Letztere fressen jetzt Scheiße, weil Pink mit “Fancy That” ein wirklich makelloses Mixtape rausgebracht hat, dass nur nicht höher auf der Liste landet, weil es eben nicht ganz ein vollwertiges Album ist. Einzeln betrachtet spricht das aber natürlich überhaupt nicht gegen “Fancy That”. Jeder Song hier ist ein Highlight und das ganze Ding ist kurz und knapp auf den Punkt produziert und geschrieben. Das ist ein riesiger Qualitätssprung von “Heaven Knows”, wenn man mich fragt, und ich hatte wirklich sehr viel Spaß damit im Laufe des Jahres. “Illegal” ist zwar der Song der hier viral gegangen ist, aber “Tonight”, “Stateside” und “Girl Like Me” sind nochmal besser.
Highlights: “Tonight”, “Stateside”, “Girl Like Me”, “Illegal”
+++ Drei tolle Alben und McKinley Dixon bekommt immer noch hauptsächlich Lob anstelle von Liebe +++
Genre: Jazz Rap / Conscious Hip Hop
Descriptors: #uplifting #dense #passionate #sentimental #playful #spiritual #introspective #orchestral #political #anthemic
Awards: #4 Best Hip Hop Album of 2025
Vielleicht verallgemeinere ich hier auch meine persönliche Erfahrung, aber ich habe so das Gefühl, McKinley Dixon bekommt immer noch nicht die Liebe und die leidenschaftliche Verehrung in der Hip Hop-Community, die er verdient hat. Mit “Magic, Alive!” hat er sich jetzt schon zum dritten Mal selbstübertroffen. Das Album ist prägnant, komplex, konzeptionell, genresprengend, emotional – eigentlich einfach alles, was man sich von hoch entwickeltem Hip Hop nur wünschen kann. Ich würde nicht mal verneinen, würde mir jemand erzählen, dass das hier das neue “To Pimp a Butterfly” sei. Aber sogar wenn man McKinley Dixon – so wie ich – in den höchsten Tönen lobt, oft springt der Funke dann doch nicht so krass über, wie beispielsweise bei einem Kendrick Lamar. Der Grund ist vermutlich, dass McKinley Dixon seinen Jazz Rap auf vielerlei Ebenen noch weitertreibt: Sein Rapping ist von Natur aus exzentrisch, die Texte oft kryptisch mit Hang zu Poesie, die Instrumentals sind verschachtelt, dicht instrumentiert, vielschichtig und komplex. Dazu hält Dixon seine Alben immer relativ kurz, sodass das alles noch unruhiger wirkt, als es ohnehin schon ist. Das ist gewöhnungsbedürftig und nicht für jede*n. Und darum lässt sich schnell sagen, wie krass doch diese Musik ist, aber komplett checken tut man es dann doch nicht. Will eigentlich heißen: Vermutlich sollte dieses Album noch höher in den Top 10 landen, aber den kompletten Zugang zu McKinley Dixon, wie zu vielen Lieblingskünstler*innen die nun folgen, habe ich noch nicht gefunden.
Highlights: “Magic, Alive!”, “Listen Gentle”, “Could've Been Different”, “Run, Run, Run Pt. II”, “We're Outside, Rejoice!”, “Sugar Water”
31. “Vendrán Suaves Lluvias” by Silvana Estrada
32. “Pirouette” by Model/Actriz
33. “Balloonerism” by Mac Miller
34. “The Passionate Ones” by Nourished by Time
35. “Tether” by Annahstasia
36. “Luminescent Creatures” by 青葉市子 [Ichiko Aoba]
37. “GOLLIWOG” by billy woods
38. “Goldstar” by Imperial Triumphant
39. “viagr aboys” by Viagra Boys
40. “The Art of Loving” by Olivia Dean
+++ Little Simz macht sich erfolgreich unabhängig von Produzent, “thief” and “abuser” Inflo +++
Genre: Conscious Hip Hop / UK Hip Hop / Neo-Soul / Post-Punk
Descriptors: #introspective #poetic #angry #reflective #technical #progressive #lonely
Awards: #2 Best Hip Hop Album of 2025
Um mehr als eine Millionen Pounds hat Little Simz' Produzent Inflo, der auch einer der Köpfe hinter dem Musikprojekt SAULT ist, sie wohl betrogen. Seit ihrer Kindheit kennen die beiden sich und seit 2019 und Little Simz grandiosem dritten Album “GREY Area”, das ihren Durchbruch markierte, arbeiteten sie zusammen. Jetzt hat Simz ihr erstes großes Album ohne Inflo vorgelegt, das wohl das schwierigste Album ihrer bisherigen Karriere gewesen ist. Den Prozess beschreibt sie unter anderem auf dem Highlightsong “Lonely” und generell finden sich überall auf dem Album Hinweise auf Simz' mentale Probleme nach dem Verrat, darunter Schreibblockaden, Selbstzweifel und Gefühle der Einsamkeit. Zum Glück hat sie ihr Selbstvertrauen aber wiedergefunden, wenn sie es denn überhaupt wirklich verloren hatte: “Lotus” beweist, dass Little Simz Inflo nicht braucht, um richtig gute Musik zu machen. Von Umfang und stilistischer Eklektik ist “Lotus” beinahe auf dem Level von Little Simz' Magnum Opus “Sometimes I Might Be Introvert” (produziert von Inflo), das für mich eines der allerbesten Alben der letzten 15 Jahre ist. “Lotus” hat einen vielleicht sogar noch stärkeren roten Faden, der seinen Anfang im wütenden Post-Punk-Rap-Crossover “Thief” findet und sich auf dem Titelsong zu Beginn des letzten Drittels bahnbricht. Ein paar weniger eindrucksvolle Ablenkungen gibt's aber trotzdem: “Young”, “Peace”, “Lion” und “Enough”. Die zeichnet bei Simz jedoch aus, dass sie dennoch richtig gute Einzelsongs mit eigenem Charakter sind, die auf die eine oder andere Weise immer noch zu den Themen des Albums etwas hinzuzufügen wissen. Insgesamt ist das also nicht das stringenteste, konstanteste oder ambitionierteste Little Simz-Album; die Messlatte hat sie aber selbst so unglaublich hochgelegt, dass das nur wenig Aussagekraft über die wirkliche Qualität von “Lotus” hat.
Highlights: “Lotus”, “Thief”, “Free”, “Lonely”, “Blood”, “Flood”, “Blue”, “Only”, “Hollow”
+++ Anna von Hausswolff ist Ethel Cain vor Ethel Cain und auf ihrem sechsten Album “ICONOCLASTS” lässt sie endlich den Rock übernehmen +++
Genre: Post-Rock / Art Rock / Neoclassical Darkwave
Descriptors: #epic #airy #triumphant #existential #ethereal #bright #mysterious #theatrical #progressive
Awards: #3 Best Rock Album of 2025
“ICONOCLASTS” ist locker eines der ambitioniertesten Alben des Jahres und darin hat es vollen Erfolg. Anna von Hausswolff mixt die epischen Crescendi von Godspeed You! Black Emperor mit der abstrakten Leichtigkeit von Julia Holter und dem düsteren Ätherischen von Ethel Cain, die sogar ein Feature auf der Single “Aging Young Women” hat. Das ist zwar ein Highlight des Albums, die wahre Qualität von “ICONOCLASTS” liegt aber in seinen Acht- bis Zwölfminütern wie “The Iconoclasts”, “Stardust” oder “Struggle with the Beast”, auf denen sich von Hausswolff die Seele aus dem Leib singt, und die außerdem mit brachialer, großer und trotzdem noch irgendwie weich-luftiger Instrumentierung punkten. Dazu setzt von Hausswolff auf Bläser, Streicher, Chöre, Synthesizer-Arpeggios und ein gigantisch klingendes Schlagzeug. Insgesamt bleibt ihre Musik dabei zwar mysteriös und manchmal auch dunkel, am Ende setzen sich aber – bei all der Theatralik der Musik und den existenziellen Themen – zum ersten Mal in Anna von Hausswolffs Diskographie und auf triumphale Weise die vorsichtig positiven, nachdenklich bittersüßen Seiten durch.
Highlights: “Struggle with the Beast”, “Stardust”, “The Iconoclasts”, “Aging Young Women”, “Facing Atlas”, “Unconditional Love”
+++ Mit “EUSEXUA” hat FKA twigs ihre produktivste musikalische Ära bisher eingeleutet +++
Genre: Electronic Dance Music / Art Pop / Trance / Dance-Pop / Alternative R&B
Descriptors: #sensual #ethereal #futuristic #sexual #clubby #nocturnal #mechanical #hypnotic #spiritual
Awards: #2 Best Pop Albums of 2025
FKA twigs ist vermutlich die definierende, elektronische Art Pop-Künstlerin der letzten 10 Jahre und die “EUSEXUA”-Ära ist bisher ihre unangefochtene Hochzeit. Damit war 2025 eigentlich ihr Jahr! “MAGDALENE” mag weiterhin ihr bestes Album bleiben, aber dieses Jahr hat twigs ganze 2 Alben und ein Reissue veröffentlicht und damit insgesamt 26 Tracks, die sich alle im gleichen Kosmos abspielen. Darum ist es auch schwierig sie auf dieser Liste platzieren. Rein von der Fülle an großartigen Songs innerhalb einer Ära müsste sie noch viel höher landen, aber da ich mich gerne sehr strikt an das Format Album halte, zählt für diese Liste an sich nur das beste Album, das sie rausgebracht hat – und das ist meiner Meinung nach immer noch das Originalalbum “EUSEXUA”, nicht das Reissue oder “EUSEXUA Afterglow”.
Woher kommt all die Inspiration für diese massive Ära? Ich würde sagen, twigs hat einiges hinter sich. Öffentlich würde man das vor allem, und vermutlich auch nicht ganz zu Unrecht, auf ihr Liebesleben reduzieren – darunter Beziehungen mit Robert Pattinson sowie Shia LaBeouf, der twigs physisch, mental und emotional missbraucht haben soll. Verarbeitet hat sie das u.a. in dem ultra-traurigen und experimentellen Singer-Songwriter-Album “MAGDALENE”. Danach ging es auch in ihrer Musik stimmungstechnisch bergauf: Das Mixtape “CAPRISONGS” zeigte twigs mit neuer Leichtigkeit und einer Menge Dance-Pop-Freude in ihrer Club-Ära. Das hat sie für “EUSEXUA” mit der Stilistik von ihrem Debütalbum “LP1” verbunden – und vor allem zu ihrer eigenen Spiritualität gefunden. “EUSEXUA” ist laut twigs kein Club-Album, sondern ein Album über ihre Gefühle im Club. Klingt nach Konzeptalbum, oder?
So ganz ist “EUSEXUA” das aber nicht. Es gibt vielleicht eine übergreifende Idee und Inspiration, aber in der Albumstruktur oder auch nur in allen Songs schlägt sich das für mich nicht nieder. Hier liegt auch so ein bisschen der einzige Makel an der “EUSEXUA”-Ära begraben: twigs hat es nicht ganz geschafft aus dieser Sammlung an größtenteils phänomenalen Songs das eine, definitive Album zusammenzustellen. Darum auch die Nachreichungen auf dem “EUSEXUA”-Reissue und “… Afterglow”. Auf dem Originalalbum fallen dann Songs aus dem Raster wie “Childlike Things” oder “Wanderlust” – und abseits davon geht auch dramaturgisch die Abfolge der Tracks nicht in Gänze auf. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau eben entlang des hohen Standards den twigs gesetzt hat und anhand des Potenzials dieser Ära, das besonders mit den Nachveröffentlichungen nochmal klarer geworden ist. Gemessen an 2025 ist “EUSEXUA” definitiv eines der besten Popalben überhaupt, und wird besonders in seiner Ambition und Experimentierfreude von so gut wie nichts anderem übertroffen.
Highlights (Originalalbum): “EUSEXUA”, “Perfect Stranger”, “Room of Fools”, “Sticky”, “Girl Feels Good”, “Keep It, Hold It”, “Drums of Death”
Highlights (Reissue & Afterglow): “Sushi”, “HARD”, “The Dare”, “Perfectly”, “Wild and Alone”, “Stereo Boy”
+++ Ein Jahrzehnt nach dem Zenit des Genres machen Deafheaven ihrem 2013er Blackgaze-Klassiker “Sunbather” wieder Konkurrenz +++
Genre: Blackgaze / Post-Black Metal
Descriptors: #cold #lonely #heavy #dense #passionate #melancholic #ethereal #epic #existential #dark #aggressive #political #complex #pessimistic
Awards: #1 Best Metal Album of 2025, Future Classics
Deafheaven waren war zwar nicht die Pioniere des Blackgaze (entstanden in den frühen 2000ern, vor allem in Frankreich), aber sie sind die größten Profiteure von seiner Popularisierung Anfang der 2010er. Bisher galt ihr 2013er Album “Sunbather” als Karrierehighlight und Höhepunkt des Blackgaze. Jetzt – über 10 Jahre später – bekommt es aber Konkurrenz vom sechsten Album der Band, “Lonely People with Power”. Der Vorgänger, “Infinite Granite” aus 2021, hatte erstmals ihre fast vollständige Abkehr vom Metal in Richtung Shoegaze und Dream Pop – und auch von Epen von ca. 10 und mehr Minuten Laufzeit – bedeutet. Das Album wurde gemischt aufgenommen. Die Konsequenz daraus haben Deafheaven gezogen, indem sie das Verhältnis zwischen Black Metal und Shoegaze sowie Dream Pop und Post-Rock nochmal neu ausgehandelt haben. Rausgekommen ist “Lonely People with Power”; weiterhin mit deutlich vertragbareren Songausmaßen, aber vor allem mit dem fast perfekten Mix aus soften und harten Parts und einer konsequenten Albumstruktur in drei Akten.
Highlights: “Amethyst”, “Heathen”, “Winona”, “Doberman”, “The Marvelous Orange Tree”, “The Garden Route”, “Body Behaviour"
+++ Mit “Addison” sehen wir die Genesis einer Künstlerin, die den Pop der 2020er schon mit ihrem Debütalbum geprägt hat +++
Genre: Alt-Pop / Dance-Pop / Electropop / Trip Hop / Downtempo
Descriptors: #sensual #lush #hedonistic #escapist #warm #hypnotic #mellow #sexual #ethereal #aquatic #soft
Awards: #1 Best Pop Album of 2025, #1 Best Debut Album of 2025, Future Classics
Das Pop-Album des Jahres und Platz 6 auf meiner Liste kommt ausgerechnet von einer TikTok-Influencerin, die mit Lip-Synching und Dances bekannt geworden ist. Das klingt wie eine Antithese, aber wenn uns 2025 eines gelehrt hat, dann ist es, dass Influencer*innen tatsächlich zu prägenden Musiker*innen werden könnten. Addison Rae legt auf ihrem Debütalbum den Grundstein für eine krasse Karriere als Pop-Star und eine exzellente Diskographie, indem sie erstmal ihre Pop-Idole zitiert. Musikalisch bemerkbar auf “Addison” machen sich davon, finde ich, vor allem Britney Spears, Lana Del Rey, Madonna, FKA twigs und Björk. Und Addison Rae hat nicht nur verdammt guten Geschmack, sie schreibt außerdem grandiose Songs und hat ein extrem talentiertes (und ausschließlich weibliches!) Produzentinnenteam um sich. Um ein kohärentes Album zu bauen, setzen Addison und ihre Kollaborateurinnen auf instrumentelle Interludes, dumpf-aquatische Produktion, sanft gehauchten Gesang, langsame Tempi, detaillierte rhythmische Elemente, viel Hall und eine Vielzahl an Synthesizer-Hooks. Das Ergebnis sind Klangwelten, in die man sich förmlich reinlegen will – wie eine Perle in einer Muschel, um in Addison Raes eigenen, ozeanischen Metaphern zu sprechen.
“Addison” ist ein Album des Eskapismus und der Sinnlichkeit. Es geht um Partys, einen ewigen Sommer mit Freund*innen cruisen, Romanzen beginnen… Das Album bietet den perfekten Soundtrack dafür. Das fühlt sich an wie pure bliss – und gleichzeitig hat “Addison” immer so eine Bittersüße an sich; eine leichte Melancholik. Irgendwie trifft Addison Rae damit genau das Gefühl der Zeit, insbesondere für Gen Z. “Addison” ist unsere Pop-Bibel der 2020er bisher.
Highlights: “Headphones On”, “Diet Pepsi”, “Aquamarine”, “Summer Forever”, “High Fashion”, “In The Rain”, “Times Like These”
+++ Nach 16 Jahren sind Pusha T und Malice wieder Clipse und fügen ihrer Diskographie direkt einen zweiten Klassiker hinzu +++
Genre: Gangsta Rap / Coke Rap / Southern Hip Hop
Descriptors: #boastful #aggressive #triumphant #menacing #futuristic #serious #raw
Awards: #2 Best Hip Hop Album of 2025, #1 Best Comeback Albums of 2025, Future Classics
“Hell Hath No Fury” aus 2006, das zweite Album von Clipse, gehört meiner Meinung nach zu einem der unterbewertetsten Klassiker des Hip Hop. Mit exzentrischer Pharrell Williams-Produktion und genauso cleveren wie bösen Coke Rap-Bars haben die zwei Brüder sich spätestens damit im Hip Hop-Olymp verewigt. Der ältere der beiden, Malice, bekam später ein schlechtes Gewissen – Clipse hatten sich ein Vermögen mit Drogendealen und Songs über das Drogendealen verdient – und fand zum Christentum. Er wechselte den Künstlernamen zu No-Malice und Clipse löste sich auf. Der jüngere Bruder, Pusha T, verließ aber nicht das Spotlight. Stattdessen arbeitete er mit Kanye West, woraus unter anderem der Kanye West-Song “Runaway” und das Pusha T-Album “Daytona” entstanden, und lieferte sich einen Beef mit Drake. Auf den bezog sich auch Kendrick Lamar in seinem ersten Disstrack gegen Drake in 2024: “Euphoria”. Die beiden teilen also einen Feind und so landet Lamar auf dem zweiten Song von “Let God Sort Em Out”, “Chains & Whips”, und überzeugt mit einem seiner besten Verses jemals.
Bevor das passiert und Clipse wie gewohnt ihre besten Coke Rap-Lyrics rappen, werden die Brüder ausnahmsweise emotional und nahbar. Der Opener “The Birds Don't Sing” ist ein berührender Song über den Tod ihrer Eltern, indem Pusha T seinen Verse seiner Mutter und Malice seinen dem Vater widmet. Das funktioniert aus mehreren Gründen fantastisch als Eröffnung: Zum einen ist der Ton das Songs ein erstes Mal für Clipse und zum anderen fungiert “The Birds Don't Sing” als eine Art Debrief darüber, was in der Abwesenheit von Clipse bei den Brüdern in ihren familiären Verhältnissen so passiert ist, bevor wir dann zum richtigen Stoff kommen…
Und der ist wirklich von vorne bis hinten pures Feuer. “Let God Sort Em Out” hat fast keine Schwachstelle. Jeder Beat, jede Hook, jedes Feature und jede Bar sitzen. Einzig die Gesangsperformances von Pharrell Williams in einigen Refrains sind gewöhnungsbedürftig. Dafür gibt es neben Kendrick Lamar außerdem noch irre gute Gastauftritte von Nas und Tyler, The Creator, die das Herz jedes Hip Hop-Fans höher schlagen lassen. Und so haben Clipse “Hell Hath No Fury” nochmal übertroffen sowie das vermutlich beste Hip Hop-Album der 2020er bisher vorgelegt…
Highlights: “Chains & Whips”, “So Be It”, “P.O.V.”, “The Birds Don't Sing”, “Ace Trumpets”, “M.T.B.T.T.F”, “F.I.C.O.”, “Let God Sort Em Out / Chandeliers”
+++ “Pain to Power” ist vermutlich das wichtigste politische Statement in Musikform in diesem Jahr +++
Genre: Post-Punk / Post-Rock / Rap Rock / Jazz-Rock
Descriptors: #political #angry #passionate #conscious #energetic #noisy #apocalyptic #philosophical #dense #heavy #epic
Awards: #2 Best Rock Album of 2025, Future Classics
Neun Jahre nach ihrer Gründung haben Maruja endlich ihr erstes vollwertiges Album veröffentlicht. Das mag spät klingen, die Strategie dahinter ist aber voll aufgegangen: Über mehrere EPs und intensive Live-Shows hat sich die Manchester Band, die auch der Windmill Szene zugeordnet wird, eine starke Fanbase aufgebaut. Dabei punkten sie seit Jahren mit ihrem ganz eigenen Sound, der Elemente von Post-Rock, Punk, Rap Rock und Spiritual Jazz zusammenbringt zu etwas, das so distinktiv ist, dass es schwer zu glauben ist, dass es dafür keine eindeutige Genrebezeichnung gibt (Jazz-Punk wäre passend!).
Auf “Pain to Power” treten alle Charakteristika der Band schärfer und konsequenter denn je zum Vorschein. Der Song “Saoirse” betont klar die spirituelle Jazz-Seite der Band und untermalt das mit philosophischem Text. Das Epos “Born to Die” ist dagegen stark verankert im Post-Rock und “Trenches”, ein wütender Aufruf zum Protest, legt die Betonung auf den Rap Rock a la Rage Against the Machine. Durch Harry Wilkinsons Texte zieht sich dabei immer eine klare politische Message. Kritisiert wurde das vielfach als zu on the nose. Völliger Quatsch, wenn man mich fragt; oft von Leuten, die wahrscheinlich zu tief im Sumpf liberaler Propaganda unserer heutigen politischen Systeme stecken, um zu verstehen, dass die Zeiten beschissen sind und es genau solche klaren Messages braucht! Maruja liefern die – und das selten (nur) auf destruktive Weise, sondern meist mit konstruktivem (wenn auch mit vielleicht zu individualisierendem, abstrakt-philosophischem) Optimismus (im Gegensatz zu der sinnlosen Hoffnung, Kapitalismus und repräsentative ‘Demokratie’ könnten aktuelle globale Verhältnisse ernsthaft verbessern).
Erkennt man also die neue Schärfe der Band in Stilistik und Text, dann kann “Pain to Power” als nichts anderes bezeichnet werden, als das (bisher) definitive Statement von Maruja. Dieses Album ist gigantisch!
Highlights: “Look Down On Us”, “Reconcile”, “Bloodsport”, “Trenches”, “Born to Die”
+++ Backxwash tritt ihren Dämonen im Kampf um inneren Frieden gegenüber und gewinnt trotz aller Widrigkeiten von Außen +++
Genre: Experimental Hip Hop / Conscious Hip Hop
Descriptors: #passionate #introspective #political #dark #depressive #angry #rebellious #ominous #intersectional #dense #naturalistic #religious #ethereal
Awards: #2 Best Hip Hop Album of 2025, Underrated Albums
“Only Dust Remains” ist wie eine Offenbarung innerhalb von Backxwashs Diskographie. Ihr Hip Hop, bisher von Aggressivität und Horror geprägt, ist jetzt fast ätherisch; üppig orchestriert, voller bittersüßer Piano-Motive und abstrakter Samples. Statt Chaos übernimmt eine geordnete Vielschichtigkeit und statt Verzerrung die Klarheit. Das heißt nicht, dass “Only Dust Remains” nur weich kann, die Härte kommt nur konstruktiver, versöhnlicher und dennoch nicht weniger gerichtet oder entschieden.
Darum fühlt sich das Album an wie ein monumentaler Schritt vorwärts für Backxwash als Musikerin und als Mensch. Es ist ein Schritt in eine nie davor dagewesene Klarheit, Intersektionalität und Naturalistik und Ausdruck der erfolgreichen(?) Suche nach ihrem Platz in der Welt als migrantisierte, schwarze, transgender Frau. Von Songs wie “Wake Up”, in denen Backxwash all ihre inneren Dämonen konfrontiert, entwickelt sich das Album mühelos – eben intersektional – zur Konfrontation von Unterdrückung, Kolonialismus und Imperialismus in der Welt auf “History of Violence”. Überall, in den inneren und äußeren Kämpfen, findet Backxwash erst intuitiv die Verknüpfungen, dann die Klarsten unter den Worte und schließlich den Willen zum Widerstand – egal wie gnadenlos die Realität ist. Das lässt einen letztendlich im lediglich Dunkelgrauen zurück – mit nur gleißend hellgrauen Lichtblicken – und trotzdem fühlt es sich emanzipierend und triumphal an.
Highlights: “Wake Up”, “9th Heaven”, “Only Dust Remains”, “History of Violence”, “Undesirable”, “Dissociation”
+++ Geese demonstrieren, was schon 2023 mit “3D Country” in Ansätzen klar geworden war: Sie sind die erste Indie Rock-Band seit The Strokes mit dem Zeug sich in eine Reihe mit den Legenden der Musikgeschichte zu stellen +++
Genre: Art Rock / Indie Rock
Descriptors: #eccentric #manic #rhythmic #surreal #dense #passionate #eclectic #cryptic #lush #abstract #poetic #chaotic #passionate
Awards: #1 Best Rock Album of 2025, Future Classics
Der Weg an die Spitze von Geese war unerwartet. Überhaupt hat alles angefangen mit einem gerade mal soliden Post-Punk-Debütalbum, dessen Vinylpressungen trotz des großen Genrehypes in der ersten Hälfte der 2020er recht schnell in den 5€-Bins von Plattenläden landeten. 2023 war dann Schluss mit Post-Punk. Auf ihrem zweiten Album, “3D Country” wandten sich Geese stilistisch der Rockmusik der Spätsechziger und der frühen Siebziger zu, ohne dabei nur einseitig beeinflusst zu sein oder nur zu zitieren. Als Rockfan will ich sagen: Das hätte eigentlich der Punkt sein müssen, an dem Geese den Durchbruch schaffen. Sie hätten nicht ferner davon sein können. Als ich 2023 in Berlin auf ihrem Konzert war, fand das in einem kleinen Club namens Badehaus statt, dessen Konzertraum nur ca. 250 Personen fast. Stattdessen war es dann das sehr spärlich beworbene Solo-Debütalbum ihres exzentrischen Sängers Cameron Winter, das Aufmerksamkeit erregte, u.a. mit einem Auftritt bei Jimmy Kimmel (mittlerweile wird Winter beim Konzert in der Carnegie Hall von Regisseur Paul Thomas Anderson gefilmt). “Heavy Metal” wurde auch noch zum ungünstigsten – und vielleicht deswegen auch günstigsten – Zeitpunkt im Jahr veröffentlicht: im Dezember. Doch irgendwie trug sich die Cameron Winter-Bewunderung, die auch aus (berechtigten) Vergleichen zu den ganz großen Singer-Songwritern wie Leonard Cohen, Neil Young oder Thom Yorke bestand, bis Sommer 2025 und damit zum Beginn des “Getting Killed”-Albumzykluses mit den Singles “Taxes”, “Trinidad” (die Winter einfach im Alleingang in anders gemixter Fassung geleakt hat) und “100 Horses”.
Ich war skeptisch zu Release von “Getting Killed” und ehrlich gesagt nicht so aufgeregt über das Album, wie man meinen könnte. Ich weiß, es handelt sich um eine Floskel, aber “Getting Killed” war für mich ein richtiger Grower. Das hier ist ein Album, das einfach mehrere Hördurchgänge braucht, weil die Songstrukturen, Rhythmen und Texte so unkonventionell und abstrakt erscheinen (zumindest für populären Indie Rock im 21. Jahrhundert). Dabei ist “Getting Killed” die logische Weiterentwicklung von “3D Country” und “Heavy Metal”. Von “3D Country” bleiben die jammigen Tendenzen, das apokalyptische, manchmal chaotische Feeling und die Anleihen aus dem Rock der ‘60er und ’70er. Von “Heavy Metal” kommt die textliche und stimmliche Weiterentwicklung Cameron Winters: der Gesang ist noch exzentrischer geworden, die Texte sind persönlicher, introspektiver, poetischer, lebensweltlicher und abstrakter, die gesamte Grundstimmung theatralischer. Auch der Vergleich mit Thom Yorke bzw. weitergefasst Radiohead bleibt erhalten: Viele der Rhythmen und Gitarrenlinien auf “Getting Killed” erinnern an die “In Rainbows”- und “King of Limbs”-Ära der Band. Und von den ‘60ern und ’70ern aus erschließen sich Geese außerdem die '80er mit Talking Heads-Einflüssen: Nicht nur die Frontmänner sind komische Gestalten und Sänger, sondern auch die musikalische Direktion ist ähnlich rhythmusgetrieben mit Einflüssen aus westafrikanischer- und Afropop-Rhythmik. Das alles fließt aber zusammen in einen Sound, der eindeutig Geese ist, eben weil die Band und ihre Mitglieder so speziell sind und auch weil die Musik so modern ist. Cameron Winter ist ein Sänger und Texter, den man sofort erkennt. Max Bassin, der Schlagzeuger, schreibt außerdem total abgefahrene Drumparts, die ebenfalls sehr eigenwillig sind. Das sind vielleicht die beiden Architekten des Besonderen am Geese-Sound.
Dieses Besondere gründet sich auch im Kontrast der Songs untereinander. “Getting Killed” ist zwar ein super stringentes Album mit einem perfekt konsistenten Stil, aber die Dynamiken aus chaotisch und einfach, schnell und langsam, rhythmisch und melodisch sind stark variierend. Das klingt erstmal allgemeingültig für viele Alben, aber vergleicht mal den Titelsong “Getting Killed” mit “Au Pays du Cocaine” oder “Trinidad” mit “Islands of Men”. Diese Dynamiken in einem Album hinzubekommen ohne dabei Inkohärenz oder auch bessere und schwächere Songs zu produzieren, ist kein leichtes Unterfangen. Tatsächlich würde ich sagen, dass das eigentlich den wenigsten Alben auf dieser Liste gelingt – und das sind ja alles die besten Alben des Jahres!
“Getting Killed” – das muss ein Klassiker des Indie Rock werden! Und wenn ich mir den Rock mal angucke in den letzten, sagen wir mal, 20 Jahren; das Genre, indem ich persönlich am meisten verwurzelt bin, dann würde ich sagen: Wir hatten seit The Strokes 2001 keine Indie Rock-Band mit so richtigen Rock'n'Roll Vibes für die junge Generation mehr, die das Zeug hat sich in den Rock-Olymp einzutragen. Wobei… Vielleicht sind Geese dafür dann doch zu weird.
Highlights: “Islands of Men”, “Getting Killed”, “Au Pays du Cocaine”, “Cobra”, “Taxes”, “Husbands”, “100 Horses”, “Trinidad”, “Bow Down”
+++ Jane Remover hat das Musikjahr gestartet und es dann auch nicht wieder losgelassen +++
Genre: Digicore / Experimental Hip Hop / Electronic Dance Music / Rage / Hyperpop / Hard Dance
Descriptors: #noisy #chaotic #dense #energetic #maximalist #aggressive #futuristic #raw #melodic
Awards: #1 Best Electronic Album of 2025
Am 1. Januar 2025 erschien die erste Single zu “Revengeseekerz”: “JRJRJR”. Das ist im Grunde genommen sowas wie Jane Removers Titelsong, denn die Lettern im Namen des Songs stehen natürlich für Jane Remover – und das in dreifacher Ausführung, vermutlich weil “Revengeseekerz” Janes drittes Album ist. Mit dem dritten Album kommt für Jane auch der dritte Stilwechsel. Wie immer bleibt Jane dabei deren Wurzeln im Digicore treu, diesmal nimmt das aber nicht Indietronica- (“Frailty”) und auch nicht Shoegaze-Form (“Census Designated”) an. “Revengeseekerz” findet ziemlich jenseits von Rock oder Pop in den Welten des Experimental Hip Hop und Hard Dance statt – und nicht mal das sind hinreichende Beschreibungen für dieses Album. Es ist ehrlich gesagt einfach wild, wie harsch, laut und chaotisch “Revengeseekerz” klingt, ohne dabei ein total undefinierbarer Soundbrei zu werden. Das heißt nicht, dass das hier nicht total anstrengende Musik ist, aber bis auf das regelmäßige Ertrinken aller anderen Frequenzbereiche in übersteuertem Bass, bleiben Janes Instrumentals immer reichlich definiert. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum Jane Remover ein Rage-Hard-Dance-Crossover gelingt, das tatsächlich einen Haufen einprägsamer Melodien hervorbringt. Anders gesagt: Janes Songwriting ist so stark, dass es selbst unter diesen Bedingungen Pop-Hooks hervorbringt.
Unerwähnt bleiben darf auch nicht Janes Sampling. “Revengeseekerz” enthält vornehmlich Samples aus Videospielen, darunter die Schreie einiger Pokémon, die an unterschiedlichen Stellen in Songs eingeschmuggelt werden, oder gesprochene Ansagen aus Fighting Games. Ein anderer Lieblingssound von Jane ist der Klang zerbrechenden Glases aus Ableton, der in den meisten Songs mehrmals vorkommt. Das klingt alles erstmal total nach unnötigen Spielereien, aber Jane entwickelt daraus tatsächlich echte Instrumentals, die zusammenhalten und Musik ergeben.
Aber ernsthaft: “Revengeseekerz” ist wohl eines der aufregendsten Alben, die ich je gehört habe. Es gibt nichts, was so ist wie “Revengeseekerz” und das, was es ist, ist für mich total Sucht erregend – und das nicht in erster Linie wegen des Maximalismus und des Lärms, sondern wegen der großartigen, melodischen Höhepunkte, wo sich der Nebel lichtet oder zumindest hintergründig wird, weil etwas total Euphorisierendes passiert, das alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich muss auch betonen, dass ich wirklich wenig Ahnung habe von Trap oder Rage und dem auch wenig abgewinnen kann. Dass gerade ein Album aus diesen Genres mich packt und überzeugt, ist also ziemlich außergewöhnlich. Wer also was anfangen kann mit Dance-Pop und lauter, anstrengender Musik oder einfach mit Hard Dance oder Rage oder einfach eine*n queeren Künstler*in bei deren total verrückter Kunst anfeuern will: checkt “Revengeseekerz” aus. Mehr Plädoyer für dieses Album ist auch nicht mehr in mir, nachdem ich da schon so oft drüber gesprochen habe. Ich glaube, dass hier ist musikalisch einfach schwierig. Wenn ihr dem nichts abgewinnen könnt, aber Popmäuse seid, dann hört euch lieber Janes neue und ebenso grandiose EP “♡” an.
Und damit will ich die Liste auch nochmal etwas genereller beenden: Ich finde 2025 war ein richtig krasses Musikjahr und meine Top 5 aus diesem Jahr ist vielleicht die beste dieser Dekade bisher. Ich habe wirklich noch keine Ahnung, was in 2026 passiert, aber nachdem wir 2024 und ‘25 hintereinander so gute Musikjahre hatte, bin ich sehr zuversichtlich, dass das wieder was wird…
Highlights: “Dancing with your eyes closed”, “Psychoboost”, “Dreamflasher”, “Professional Vengeance”, “TURN UP OR DIE”, “Fadeoutz”, “TWICE REMOVED”, “Star people”