Personenkult: Warum wir auf Systeme statt auf Einzelpersonen schauen müssen

Written by Oskar Vier

Published on 06.01.2026

Ein paar Worte zu einem Fehler, der Medienberichterstattung und öffentlichem Diskurs ständig unterläuft – aktuell am Beispiel des imperialistischen Angriffs der USA auf Venezuela. Natürlich ist auch diese Personalisierung kein Zufall: Sie hat systemische und anthropologische Gründe. Mehr dazu vielleicht ein andermal.

Wenn es heißt, Trump betreibe "Politik nach Mafia-Art" oder "Trump meint es ernst" (DLF), dann werden Systemdynamiken immer suggestiv auf Einzelpersonen heruntergebrochen. Diesen Drang zur Personalisierung findet man überall in der Popkultur, und es gibt auch eine Bezeichnung dafür:
Personenkult. In unseren politischen Systemen ist der Personenkult allgegenwärtig und er steht uns dann im Weg, wenn es darum geht, politische Vorgänge auf der Welt wirklich zu verstehen.
Zu beobachten war das zuletzt besonders gut mit dem Personenkult rund um Vladimir Putin. Um zu erklären, was Russland geopolitisch macht, wurde oft in letzter Instanz monokausal auf Putin zurückgegriffen:
Putin sei verrückt, aggressiv, irrational. Das hilft uns allerdings nicht die Welt zu verstehen. Im Gegenteil: Es verschleiert, was wirklich vor sich geht.


Ähnlich ist es mit Trump oder mit Merz. Diese Menschen sind nicht nur Treiber der Politik, sondern auch Getriebene von Systemdynamiken, die weitaus größer sind, als die politische Macht selbst der mächtigsten Einzelpersonen. Darum laufen übrigens auch Verschwörungstheorien ins Leere. Sie sind in der Hinsicht eigentlich wie Religion: Hilflose Erklärungsversuche, weil die Instrumente fehlen, um rationale Erklärungen zu finden.
Für alle anderen - die Menschen, die nicht zu einer politischen oder finanziellen Elite gehören - ist es unvorstellbar, dass die Mächtigen über uns ebenfalls machtlos sind, gerade weil sie ja offensichtlich so viel mächtiger sind. Doch die wahre Erklärungskraft liegt nicht in Personen, sondern in den Systemen, in denen sie agieren.


Trumps Politik ist keine Anomalie. Sie ist nicht mal eines von vielen Szenarios, die das Resultat von einem politischem System wie der USA sein können. Sie ist unvermeidbar. Die Politik ist das Symptom eines Systems und derjenige der sie macht, ist vollkommen austauschbar. Das spricht niemanden frei von Verantwortung, aber es ist konsequent mit einer Logik, in der wir jeden Menschen empathisch als das Resultat seiner Umstände betrachten.
Also nein, Putin ist nicht dieses und jenes, sondern er ist Staatsoberhaupt eines Nationalstaates mit rationalem Standortinteresse und agiert in einer Verteidigungslogik. Das Gleiche gilt auch für Trump.
Durch den Angriff der USA auf Venezuela verteidigt die
USA ihr Standortinteresse. Dazu gehört die Mehrung des Kapitals und die Sicherung des politischen Systems.