Personenkult 2: Woher kommt unsere Fixierung auf Einzelpersonen?

Written by Oskar Vier

Published on 07.01.2026

Im letzten Post habe ich den Personenkult in der modernen "Politik" und Gesellschaft als Ganzes aufgezeigt und problematisiert. Aber woher kommt unsere Fixierung auf Personen? Dafür möchte hier 2 Erklärungsansätze präsentieren.

1. anthropologisch

Der Mensch ist evolutionär extrem gut angepasst... aber nicht auf die Formen des Zusammenlebens von heute, sondern auf die von gestern. Gemeint ist die Steinzeit und die Zeit vor der Sesshaftigkeit des Menschen. Menschen waren hier in Kleingruppen unterwegs, die egalitär und herrscherlos (akephal) waren. D.h. jede Person hatte eigene Wirkmacht und Einfluss auf die Gemeinschaft. Diese Strukturen sind immer noch tief in uns verwurzelt. Um also unsere Illusion von der Wirkmächtigkeit des Einzelnen in einer Zeit der sesshaften Großgesellschaften aufrechtzuerhalten und weil wir die Gesellschaften, in denen wir leben auch als solche begreifen wollen, verstehen wir Einzelpersonen weiterhin als die wichtigsten Faktoren im Gesellschaftsprozess, obwohl sie das gar nicht sind.


2. systemisch

Und natürlich ist die Personalisierung auch systemisch vorgesehen, denn sie lenkt uns erfolgreich ab von dem, was wirklich wichtig ist! Zynisch gesagt haben moderne Herrschaftsformen es geschafft, unsere anthropologische Natur gegen uns zu instrumentalisieren. Wenn wir immer nur damit beschäftigt sind, über Personen zu streiten, dann denken wir gar nicht an die größeren systemischen Strukturen. 

Und viel essenzieller: Wenn wir annehmen, dass Personen wirklich zählen, dann liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es wichtig ist, welche Kanzlerin, welche Präsidentin und welchen Chef wir haben. So erscheinen Wahlen bedeutsamer als sie es sind und damit auch wir selbst als "politische Subjekte", wo doch die Wahl unsere einzige Möglichkeit zur Partizipation an der (Vor-) Politik ist.
Es entsteht eine Illusion von der eigenen Selbstwirksamkeit und von der Wirkmacht anderer.
Strukturen wirken auf einmal reformierbar, Lebensumstände verbesserbar, wenn doch nur die richtigen Personen die Macht hätten. Das Ergebnis ist eine Entproblematisierung von Hierarchien und Machtungleichheit, die uns letztendlich in einen Strudel aus Parteienwettbewerb und Parteiendiktatur zieht.