"Internationaler Rechtsruck": Warum alle unsere politischen Systeme faschistisch werden (müssen)

Written by Oskar Vier

Published on 10.01.2026

Die kurze Antwort ist: Unsere modernen politischen Systeme sind nicht politisch und nicht demokratisch, sondern vorpolitisch, aristokratisch und tendieren daher immer zu Nationalismus und Autoritarismus.

Die lange Antwort ist kompliziert, aber erleuchtend. Um sie zu verstehen, müssen wir erst einmal unsere Begriffe neu sortieren, die durch die Politikwissenschaft der Neuzeit entleert und/oder umgedeutet worden sind: 

Fangen wir an mit Politik: Politik ist der klassischen Definition aus der griechischen Antike nach die gemeinwohlorientierte Praxis der Gemeinschaft. Es geht also nicht um Machtkämpfe und Partikularinteressen. Sie sind vielmehr Merkmale eines vorpolitischen Zustands, indem das Gemeinwohl (noch) nicht handlungsleitend ist. Politik zielt also auf etwas Höheres: die bewusste gemeinsame Regelung der Angelegenheiten der Gemeinschaft im Hinblick auf das Gemeinwohl. 

Von diesem Anspruch haben sich moderne “politische Systeme” jedoch weitgehend entfernt. Die dominante Praxis ist durch strukturelle Machtkonkurrenz, Interessenvermittlung und Elitenkonflikte geprägt. In diesem Sinne lässt sich von einer Rückentwicklung in einen vorpolitischen Zustand sprechen. Das, was heute als Politik bezeichnet wird, ist normativ keine Politik!

Wo Politik als gemeinwohlorientierte Praxis ausfällt, bleibt nicht Leere, sondern Nicht- oder Vorpolitik in Form von Herrschaft. DIe lässt sich traditional nach der Anzahl der Herrschenden klassifizieren: einer, wenige, viele. Oder auch Tyrannis, Aristokratie, Demokratie

Wir befinden uns da in der Kontinuität der westlichen Philosophie, als deren Begründer Platon gilt. Ein zentraler Aspekt seiner Lehre war die Kritik an der Demokratie und seine Vorstellung von der idealen politischen Ordnung: der Philosophenherrschaft. Hierbei handelt es sich um eine Aristokratie – oder spezifisch eine Expertokratie. Einige Wenige herrschen über die Vielen, weil sie (angeblich) die Besten für die Herrschaft sind. Die fehlgeleitete Annahme ist, dass gemeinwohlorientierte Praxis (Politik) in der Fremdbeherrschtheit entstehen kann.

Demokratie steht dazu im Gegensatz. Sie ist die Volksherrschaft (Selbstherrschaft) und ermöglicht überhaupt erst die Entstehung gemeinwohlorientierter Praxis. Das erklärt auch, warum die Politik und die Demokratie zur gleichen Zeit erfunden wurden. 

Noch einfacher und grundlegender unterscheiden könnte man demnach zwischen den Formen der Fremdbeherrschtheit (Tyrannis und Aristokratie) und den Formen der Selbstherrschaft (Demokratie). Nur letztere ist ihrem Prinzip nach politisch; erst in ihr wird Herrschaft durch Politik ersetzt.

Nimmt man diese Unterscheidung ernst und denkt unideologisch, dann muss man zu der Erkenntnis kommen, dass unsere modernen “politischen Systeme” – entgegen aller Propaganda – weniger Demokratien als Aristokratien sind: Einige Wenige herrschen über die Vielen, weil sie angeblich die Besten für den Job seien. Das zentrale Element, das diesen Systemen den Anschein von Demokratie gibt, sind die Wahlen von Parteien. Sie sind jedoch nur ein Elitenauswahl- und austauschprozess, wie es z.B. Schumpeter in der modernen Politikwissenschaft formuliert. Die Feststellung, dass Wahlen im Grunde genommen aristokratisch sind, während das Los das eigentliche Mittel der Demokratie ist, geht aber schon auf Aristoteles zurück. Eindrucksvoll wurde das zuletzt z.B. von David van Reybrouck gezeigt.

Um zu erkennen, dass Wahlen undemokratisch sind, muss man sich eigentlich nur zwei Fragen stellen und diese ehrlich beantworten.

1. Wer ist wählbar? Oder präziser: Zwischen welchen Optionen besteht tatsächlich eine Wahl?
Wählbar sind diejenigen, die Zugang zur politischen Elite erlangt haben, in der Regel durch den Aufstieg innerhalb politischer Parteien. Das führt dazu, dass systematisch bestimmte soziale Gruppen bevorteilt sind: Personen mit hoher Bildung, aus mindestens stabilen ökonomischen Verhältnissen, mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, wie etwa Durchsetzungsfähigkeit, Charisma, Selbstbewusstein, Initiative. Von politischer Gleichheit kann unter diesen Bedingungen nicht die Rede sein.

2. Wie kommt die Wahlentscheidung selbst zustande?
Auch das haben viele schon erkannt und trotzdem ist es weiterhin ein weit verbreiteter Irrglaube: Die Wahlentscheidung ist kein autonomer, kollektiver Willensbildungsprozess, sondern eine Entscheidung unter strukturell asymmetrischen Informationsbedingungen. Sie beruht auf Informationen aus Medien und Politik (und ihrem Zusammenspiel), die nicht für alle gleich zugänglich sind und die auch nicht unabhängig oder demokratisch zustandekommen: die privaten Medien gehören bestimmten Menschen, die öffentlich-rechtlichen Medien werden von bestimmten Menschen beaufsichtigt und in den Ministerien sitzen bestimmte Politiker*innen am Hebel der Macht. Unsere Öffentlichkeit ist schlicht nicht demokratisch und daher kann aus ihr heraus auch keine gemeinwohlorientierte Praxis entstehen.

In was für einem System leben wir also?

In einer elektiven – also mit Wahlen als Elitenaustauschprozess – und liberalen – im Vergleich zu anderen Aristokratien der Geschichte aufgrund von relativer Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Garantie politischer- und Menschenrechte – Aristokratie (Herrschaft der Wenigen/"Besten").

Und über elektive, liberale Aristokratien wissen wir historisch mit überragender Regelmäßigkeit: Sie schlagen langfristig und autopoietisch – also aus ihren inneren Strukturen heraus – in Systeme um, die wir als autokratisch, faschistisch oder absolut bezeichnen würden. Aus Parteienwettkampf wird dann Parteiendiktatur; die Aristokratie transformiert sich aus den selbst erzeugten Krisenbedingungen heraus in eine Tyrannis. Die Tyrannis ist dabei keine vollkommen separate Form, die der Aristokratie so entgegengesetzt ist, wie die Demokratie, sondern lediglich eine Zuspitzung der Aristokratie, die ihre Logik vollendet. 

Für diesen determinierten Prozess gibt es zwei aristokratischen Systemen inhärente Gründe und zwei (Pseudo-)Problemlösungen, die die Tyrannis (oder eben der Faschismus, der Autokratismus, der Absolutismus oder der Totalitarismus) anbietet:
1. Die Gespaltenheit der Gesellschaft und Nationalismus
2. Die Steuerungsunfähigkeit der Aristokratie und Autokratismus


1. Die Gespaltenheit der Gesellschaft & Nationalismus

Wir alle leben in modernen Großgesellschaften, die natürlicherweise strukturell extrem differenziert und vielfältig sind (natürliche Gespaltenheit). Gerade deshalb brauchen sie eine gemeinwohlorientierte Praxis, um sich funktional regulieren zu können. In der liberalen, elektiven Aristokratie haben wir jedoch eine soziale Ordnung, die in zwei Klassen eingeteilt ist (systemisch-vertikale Gespaltenheit), und ein politisches System, dass auf den Wettkampf und die Wahl von Parteien ausgelegt ist (systemisch-horizontale Gespaltenheit). Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die bereits von Natur aus komplex und vielfältig ist und dann künstlich durch ihre Ordnung weiter fragmentiert und entfremdet wird. Es kommt zur Multiplikation der Gespaltenheit, die dafür sorgt, dass die Gesellschaft in unproduktiven Streit und unauflösbare Gegensätze zerfällt, wenn es um die Regelung ihrer gemeinschaftlichen Angelegenheiten geht. (In Bezug auf den zweiten Punkt macht allein das sie übrigens schon unregierbar für eine kleine, insgesamt eher geschlossene Gruppe politischer Eliten.)

Der Nationalismus bietet für die multiplizierte Gespaltenheit eine einfache Antwort an: Er konstruiert eine große Solidargemeinschaft und verspricht damit die Spaltung aufzuheben – die Gesellschaft zu einen – und politische Ohnmacht zu beenden, wodurch die kollektive Handlungsfähigkeit wiederhergestellt werden soll. Dass das Homogene als Form der Einigung nur mit Exklusion und Gewalt hergestellt und aufrechterhalten werden kann, wird motiviert von und gerechtfertigt mithilfe des Hasses und der Wut, den die elektive, liberale Aristokratie durch die Multiplikation der Gespaltenheit der Gesellschaft zuvor erzeugt hat. 

Aber Nationalismus ist ein großer Betrug: Statt einer ermächtigten Solidargemeinschaft herrscht eigentlich der Aristokratismus in Form von Netzwerken von Reichen und Mächtigen weiter. 


2. Die Steuerungsunfähigkeit der Aristokratie & Autokratismus

Die Funktionalität der liberalen, elektiven Aristokratie ist (wie moderne “Demokratietheoretiker” ironischerweise herausgefunden haben) auf ein Gleichgewicht von Input und Output in das System ausgelegt. Das heißt: Was die Wähler*innen vorne reingeben, muss auch hinten wieder rauskommen. Dass das nicht so ist, wissen wir wohl alle und es gibt dafür vielfältige Gründe, von denen ich einige kurz nennen werde: 

  1. Stabile Cliquen an der Macht sind ständig Kapitaleinflüssen ausgeliefert (Lobbyismus).
  2. Parteienwettkampf sorgt für Populismus und Wähler*innentäuschung (Populismus als “Spielart der Aristokratie”).
  3. Die herrschende Klasse kennt die beherrschte Klasse gar nicht, aufgrund ihrer Entfremdung von ihr und aufgrund der Differenzierung der Gesellschaft selbst (siehe Gespaltenheit der Gesellschaft)
  4. Eine Herrschaft von einem Teil der Parteien (Koalition) – das Prinzip Regierung an sich – schließt immer einen Teil der Wähler*innenstimmen aus. 


In der Folge entsteht eine riesige Repräsentationslücke

Aus dieser strukturellen Dysfunktion heraus entwickelt sich ein Dilemma: Die liberale Aristokratie kann die gemeinwohlfördernde Steuerung der Gesellschaft nicht leisten. Politische Eliten sind mit der Vertretung des Volkes überfordert, von Macht korrumpiert, vom Kapital instrumentalisiert. Je größer der entstehende Scherbenhaufen wird, desto steuerungsunfähiger wird die liberale Aristokratie, während gleichzeitig die Nachfrage nach Steuerung und die notwendige Erwartung an “Politik” aus der Gesellschaft wächst. Egal wie die Parteien der liberalen Aristokratie jetzt handeln (z.B. staatsmännisch, entschlossen, populistisch, sachpolitisch), sie können nur noch verlieren. Temporäre Siege lassen sich nur noch mit Populismus realisieren (Populismuszwang); ein Spiel, das die rechtspopulistische Parteien der autoritären Aristokratie am besten spielen und wo sie den psychologischen Vorteil haben. Forderungen nach “Sachpolitik” aus der Bevölkerung laufen ins Leere, weil sie für Parteien zu Verlusten führt. 

Die elektive, liberale Aristokratie spürt all das und greift im Angesicht der Krisen zu immer verzweifelteren Mitteln in Form von autoritären Maßnahmen, die ihre Legitimität weiter untergräbt. Die immer wieder beschworene “Demokratie”, der Parteienwettbewerb und die Pluralität – diese Systeme scheitern. Aber weil Alternativen nicht bekannt oder nicht geschätzt sind, weil Systeme leichter reproduzierbar als änderbar sind, weil die Ohnmacht zu groß und zu tief verwurzelt ist, weil der Hass auf “die da oben”, “die anderen” und “die da unten” zu groß ist, fällt die Wahl am Ende auf die starke Hand, auf den Autokratismus. Eine Partei konsolidiert die Macht. Die liberale Aristokratie transformiert sich zurück in eine autoritäre Form und der Zyklus beginnt von Neuem. 


Der Zyklus

autoritäre Aristokratie 

⟶ (scheiternde Revolution) 

liberale Aristokratie (multiplizierte Gespaltenheit der Gesellschaft + Dilemma der Steuerungsunfähigkeit

⟶ (Transformation durch Systemwidersprüche) 

autoritäre Aristokratie (Verschiebung der Probleme liberaler Aristokratie

⟶ (scheiternde Revolution) 

⟶ erneute Reproduktion aristokratischer Strukturen in der liberalen Aristokratie 


Beispiele

Deutschland: 
Kaiserreich ⟶ Weimarer Republik ⟶ NS ⟶ BRD
Russland: 
Zarismus ⟶ Oktoberrevolution & Sowjetunion unter Lenin ⟶ Sowjetunion unter Stalin ⟶ Russland unter Jelzin ⟶ Russland unter Putin
Frankreich: 
Absolutismus ⟶ Französische Revolution ⟶ Napoleonische Herrschaft ⟶ Restauration & Julirevolution ⟶ Juli-Monarchie ⟶ Februarrevolution & Zweite Französische Republik


Was können wir daraus lernen?
  1. Wir haben aristokratische Strukturen nie überwunden, sondern immer nur reproduziert.
  2. Aristokratische Strukturen sind extrem resilient, anpassungsfähig und in der Lage sich zu tarnen.
  3. Die einzige Durchbrechung der aristokratischen Kontinuität, die historisch gelungen ist, war die attische Demokratie.
  4. Dieser Ausbruch aus dem Zyklus aristokratischer Zuspitzung und liberaler Reproduktion ist Top-down durch die Aristokratie selbst vollzogen worden.
  5. Bottom-up-Revolutionen – auch sozialistischer Natur – haben bisher immer nur zu Reproduktion aristokratischer Strukturen geführt und die Menschen nicht nachhaltig emanzipiert oder liberalisiert.
  6. Um die aristokratische Kontinuität zu durchbrechen und den Zustand menschlicher Gesellschaften akkurat zu beschreiben, müssen wir Aristokratie möglichst breit definieren und Demokratie möglichst eng. Moderne Politikwissenschaft tut das Gegenteil und verschleiert so die Realität im Sinne der Herrschenden.
  7. Unsere Verfassungen sind fundamental und von vorne herein falsch konstruiert worden. Sie sind nur unter idealen Umweltbedingungen (Wirtschaftwachstum) funktional, fallen in Krisenzeiten aber in sich zusammen.