Written by Oskar Vier
Published on 12.01.2026
Als Losdemokrat, der das politische System und die Herrschaftsverhältnisse, in denen wir leben radikal hinterfragt, ist Marxismus vielleicht die verwandteste und lehrreichste politische Theorie der Neuzeit. Und auch Kommunist*innen können, denke ich, einiges von der Losdemokratie lernen. Ich habe versucht – auch für meinen eigenen ideologischen Frieden – die beiden Theorien miteinander zu versöhnen.
Der zentrale Unterschied zwischen Marxismus und Losdemokratie liegt in der primären Analyseebene. Während Marxist*innen sich zunächst streng auf die ökonomische Ebene verlassen, tun Losdemokrat*innen das Gleiche auf der politischen Ebene. Einfacher und idealtypisch zugespitzt gesagt: Marxist*innen machen für die Krise menschlicher Gesellschaften die ökonomischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse verantwortlich, Losdemokat*innen die politischen Herrschaftsverhältnisse. In beiden Fällen ist das Problem Machtungleichgewicht. Die Wenigen haben – politisch oder ökonomisch – überproportional viel Machtbesitz, die Vielen wenig. Dadurch können die Wenigen den Vielen strukturell Gewalt antun. Beide Lager liegen darin erst einmal richtig. Folglich hat Gewalt also zwei Dimensionen: Staatsgewalt und Kapitalakkumulation.
Marxist*innen argumentieren, dass die Auflösung von akkumuliertem Kapital mit der Ergreifung der Staatsgewalt durch das Proletariat möglich ist. Damit tritt eine dritte Dimension von Gewalt auf: Menschenmenge. Wer eine größere Zahl an Menschen aktiv und organisiert auf seiner Seite hat, der gewinnt. Menschenmenge überwindet und kapert Staatsgewalt und durch sie selbst kann dann das akkumulierte Kapital aufgelöst werden. Das beinhaltet folgende Grundannahmen:
Alle diese Annahmen sind problematisch. Zunächst ist eine revolutionäre Massenmobilisierung in hochdifferenzierten, multipliziert gespaltenen Gesellschaften extrem voraussetzungsreich. Sie erfordert eine große Zahl revolutionär gesinnter Menschen und eine große Zahl an Menschen, die zumindest gegen den oder neutral zum Status quo stehen. Jene Menschen müssten sich im nächsten effektiv organisieren können, sodass sie durch ihre Organisation mächtiger sind als die Kräfte, die den Status quo verteidigen.
Spätestens das – das zeigen uns die historische Erfahrung und simple Logik – wird dazu führen, dass Politiker*innen und Bourgeoisie gemeinsame Sache machen (1.2), denn für sie ist es leicht sich auf das Minimalziel der Verteidigung des Status quo zu einigen und durch bestehende Netzwerke auch leichter sich überhaupt zu verbünden. Sie sind in diesem Kampf quasi strukturell bevorteilt aufgrund ihrer Interessen, Netzwerke und Ressourcen.
Nehmen wir trotzdem an, dass die Massen sich organisieren und den Kampf gewinnen können, wären sie danach zuerst mit der Organisation der politischen Macht im Staat konfrontiert. Sie muss effektiv sein, um das Momentum der Revolution nicht zu stören und gewillt und mächtig genug sein, um anschließend die ökonomischen Besitzverhältnisse zu revolutionieren.
An dieser Stelle entscheidet sich der letztendliche Ausgang der Revolution: Wird staatliche Macht aristokratisch, also von Wenigen, die mehr oder weniger entkoppelt sind von der Masse, organisiert, wird die Revolution scheitern, denn: politische Macht wird konzentriert und personalisiert. Das Ergebnis ist das staatliche Gewaltmonopol. Um die Kapitalakkumulation in privater Hand zu stoppen, werden außerdem alle Betriebe verstaatlicht. In diesem Moment liegen beide Dimensionen der Gewalt in der Hand des Staates. Einmal die Staatsgewalt der Wenigen gegen die Vielen und zum anderen das Kapital. Wenn wir auf die marx'sche Rhetorik zurückgreifen wäre das die “Diktatur des Proletariats” mit einer sehr deutlichen Betonung auf Diktatur.
Die Möglichkeit zur Kapitalakkumulation ist allerdings in der Folge nicht zwingend verhindert, sondern nur verlagert in die Hand einer politischen Aristokrat*innenklasse, die nun den Staatskapitalismus einführen kann. Menschen sind also weiterhin unfrei und fremdbeherrscht – möglicherweise unter schlimmeren Bedingungen als zuvor – und Machtungleichgewicht besteht fort. Das ist es, was bisher in jeder sozialistischen Revolution passiert ist. Es handelt sich also nicht um einen Unfall, sondern um eine historische Regelmäßigkeit. Das Idee von einem absterbenden Staat als Übergang vom sozialistischen Staat in den Kommunismus entpuppt sich außerdem als Märchen – und das nicht nur in der Praxis, sondern auch theoretisch. Hier verbirgt sich ein einfacher – der grundlegendste – Systemeffekt: Besteht Machtungleichgewicht fort, wird es sich aus sich selbst heraus reproduzieren. Kommunismus ist auf diesem Weg also unerreichbar und auch eine unmittelbare Verbesserung der reelen Lebensumstände fraglich.
Die Alternative liegt in einer anderen Entscheidung am Höhepunkt der Revolution – für eine demokratische Organisation des Staates. Die einzige historisch bekannte und realisierbare politische Praxis, die eine dauerhafte Machtkonzentration verhindert, ist die Losdemokratie; bestehend aus dem regelmäßigen Losen von Bürger*innenräten an den höchsten Punkten politischer Entscheidungsmacht. Nur so kann eine Konsolidierung von Staatsgewalt in der Hand weniger Losgelöster verhindert werden! Eine politische Klasse entsteht nicht; die Produktionsmittel werden nicht in die Hand einer sich selbst reproduzierenden Elite verstaatlicht, sondern in die Hände regelmäßig zufällig neu ausgewählter Bürger*innenräte – durch die Zusammensetzung der Gesellschaft dann dominiert von Proletarier*innen in all ihrer Vielfalt. Damit wird Kapitalakkumulation in den Händen weniger auch über den Staat unmöglich. Stattdessen werden die Produktionsmittel von einem von einer dezentralen Legislative dominierten Staat verwaltet. In der Folge erübrigt sich in der Theorie sogar die Frage nach dem Staat selbst, denn der Staat verliert nach Innen weitestgehend seinen Gewaltcharakter. Und eine sozialistische Losdemokratie hat auch in sich die Potenziale angelegt, kein Gewaltproblem mehr nach Außen zu erzeugen, da seine innere Struktur aggressive Machtprojektion mindestens hemmt.
Konstruiert habe ich soeben die losdemokratisch-sozialistische Revolution – eine Synthese beider Ansätze, die die sozialistische Revolutionslogik aufwertet. Durch die Demokratisierung des Staates – also der Änderung der politischen Herrschaftsverhältnisse – nach seiner revolutionären Übernahme wird eine Änderung der ökonomischen Besitzverhältnisse nachhaltig möglich. Beide Probleme – sowohl das marxistische, als auch das losdemokratische – werden in Symbiose gelöst.
Klar wird in der theoretischen Konsequenz aber auch: Eine nachhaltige Transformation der ökonomischen Besitzverhältnisse, die eben nicht nach hinten los geht, ist ohne Losdemokratie nicht möglich. Genau darum würde ich als Losdemokrat auch sagen, dass die Krise menschlicher Gesellschaften primär aus der Herrschaftsordnung resultiert, und nicht aus den ökonomischen Verhältnissen, wobei beide natürlich eng verzahnt sind. Das ist konsistent mit dem Fakt, dass Aristokratie seit Jahrtausenden existiert und Kapitalismus dagegen nur seit wenigen Jahrhunderten. Ich würde es als eine Art halben Bruch mit dem historischen Materialismus bezeichnen.
Aber was denken eigentlich die Losdemokrat*innen?
Viele glauben nicht an eine eventuelle Massenmobilisierung, die zu einer erfolgreichen, aristokratische Strukturen nicht reproduzierenden Revolution führt, weil – wie eben beschrieben – zu viele Konjunktive allein schon auf dem Weg zur Revolution im Spiel sind, und alle historischen Revolutionen im Hinblick auf die aristokratische Reproduktion gescheitert sind. Dabei war es bisher unerheblich wie egalitär, demokratisch, anti-autoritär o.ä. die zugrundeliegenden Bewegungen im Kern gewesen sein mögen. Nicht zu vergessen ist dabei auch, wie viel Chaos und Gewalt Revolutionen stiften können. Die Methode “Revolution” scheint in der Bilanz für viele nicht überzeugend.
Stattdessen ist die weitgehende Überzeugung, dass Losdemokratie auf dem aristokratischen Weg eingeführt werden wird – so wie damals in der attischen Demokratie. Aus dem Zyklus der Aristokratie und der Ohnmacht der Aristokrat*innen selbst gegenüber seinen systemischen Strukturen, die nicht nur der Bevölkerung, sondern auch den Aristokrat*innen selbst Gewalt antun, erwächst die Notwendigkeit in das systemische Gegenteil auszubrechen: die Demokratie. Der Ohnmacht der Bevölkerung gegenüber der Aristokratie kommt dabei eine untergeordnetere Rolle zu.
Auch die Losdemokratiebewegung lässt sich also folglich reformistisch und revolutionär denken. Reformist*innen grenzen sich dabei eher ab von Kommunist*innen und zentrieren ihre Arbeit um die Ohnmacht der Aristokratie selbst. Es fehlt das klassenkämpferische Element, stattdessen soll die Idee der Losdemokratie primär in die Köpfe der Aristokrat*innen und erst in zweiter Ordnung bzw. auch zum Zwecke des primären Ziels in die Köpfe aller. Man könnte das zugespitzt als Kulturkampf bezeichnen.
Revolutionär*innen suchen die Symbiose mit den Kommunist*innen und zentrieren ihre Arbeit um die Ohnmacht der Bevölkerung. Das ist Klassenkampf mit einem kulturkämpferischen Element, dass sich hauptsächlich auf die Menschen konzentriert, die nicht zur Aristokratie gehören.
Natürlich gibt es auch Nuancen dazwischen. Radikale Reformist*innen und radikale Revolutionär*innen wie eben beschrieben sind lediglich die Idealtypen.
Statt diese Wege gegeneinander auszuspielen, spricht vieles dafür, beide gleichzeitig zu verfolgen. Ob die Transformation zuerst aus der Krise der Aristokratie selbst heraus oder aus der Mobilisierung der Bevölkerung entsteht, ist letztlich eine empirische Frage.
Die Losdemokratie bleibt in beiden Fällen der entscheidende Schlüssel.