Written by Oskar Vier
Published on 15.01.2026
Ich habe es Ende 2024/Anfang 2025 leider nicht geschafft eine Albenliste fertigzustellen. Jetzt will ich zumindest die 15 besten noch einmal honorieren!
+++ Das Debütalbum der siebenköpfigen Band Tapir! erzählt in drei Akten eine spirituelle Reise durch ein wundersames Fantasieland +++
Genre: Indie-Folk
Subgenres: Post-Rock / Folktronica / Chamber Pop
Descriptors: #conceptual #pastoral #peaceful #spiritual #warm #soft #lush #calm #cozy
Das wohl vielversprechendste Debütalbum des Jahres 2024 kam von der 2019 gegründeten, britischen Band Tapir!. “The Pilgrim, Their God & The King of My Decrepit Mountain” besteht aus vier EPs, die über mehrere Jahre veröffentlicht wurden. So wurde die Geschichte des titelgebenden Pilgerers ebenfalls Jahr für Jahr weitererzählt, bis die Reise schließlich 2024 mit der Veröffentlichung von Akt 3 innerhalb des ganzen Albums endete. Es ist ein wunderliches Album mit einem distinktiven DIY-Flair, der abgerundet wird durch die von der Sängerin handgemalten Artworks. Musikalisch gelingt es Tapir! Post-Rock- und Folktronica-Elemente in einen friedvollen Indie-Folk-Sound einzubinden, ohne dass sie mit dem Fantasy-Vibe brechen, und die schönen Einzelsongs gekonnt zu einer Naturreise zu verbinden, die mal winterlich und mal frühlingshaft ist.
Highlights: “Untitled”, “Mountain Song”, “On a Grassy Knoll (We'll Bow Together)”, “My God”, “Broken Ark”
+++ Der Hip Hop Veteran kehrt stilistisch und inhaltlich zurück zu den Wurzeln des Hip Hop: Jazz Rap und Boom Bap treffen auf eine Geschichte darüber, der beste Battle Rapper zu werden +++
Genre: Jazz Rap / Abstract Hip Hop
Subgenres: Conscious Hip Hop / Boom Bap
Descriptors: #introspective #poetic #sentimental #melodic #mellow #philosophical #passionate
“Samurai” ist ein bisschen wie einer meiner Lieblingsserien “Samurai Champloo”: ruhig, friedvoll und philosophisch, untermalt von klassisch-zeitlosen Hip Hop Beats, aber gleichzeitig kämpferisch und ein bisschen verschroben. Im Vergleich zu Hip Hop-Alben aus den ‘90ern, die Battle Rap thematisieren und metaphorisch mit Kampfkünsten vergleichen, ist “Samurai” erstaunlich ruhig und in sich gekehrt. Hier gibt’s wenig Action und Blut, aber trotzdem die gleiche Leidenschaft für das Handwerk. Entsprechend fantastisch sind Lupe Fiascos Raps geschrieben und performt. Inspiriert ist das Konzept von “Samurai” durch Amy Winehouse-Zitate aus einer Doku, in denen sie kurz vor ihrem Tod am Telefon berichtet, dass sie Battle Raps schreibt. Lupe Fiasco baut teilweise ihren genauen Wortlaut in seine Hooks ein und imaginiert so eine Welt, in der Winehouse tatsächlich die beste Battle Rapperin der Welt geworden ist.
Highlights: “Samurai”, “No. 1 Headband”, “'Til Eternity”, “Palaces”, “Cake”
+++ The Cure zeigen, dass ihr klassischer '80er-Sound nach wie vor zeitgemäß ist +++
Genre: Gothic Rock / Alternative Rock
Subgenres: Dream Pop / Ethereal Wave / Post-Rock
Descriptors: #cold #desperative #anxious #dystopian #melancholic #sombre #dark #depressive #dense #nocturnal #introspective #existential #lonely
Nach ca. 20 Jahren an eher mittelmäßigem Material sind The Cure endlich wieder in Form. Dazu machen sie all das, was ihre Musik in den '80ern so außergewöhnlich gemacht hat: kalte, atmosphärisch-ätherische Post-Punk-Instrumentale, lange Instrumentalintros und niederschmetternd pessimistische Texte, gefüttert von Angst und Einsamkeit. Passend zur Zeit nimmt das Ganze dabei apokalyptisch-dystopische Form an. Der Titel ist also Programm, dies sind Songs über eine verlorene Welt und eine Welt in der wir verloren sind. “Songs of the Lost World” ist mehr als nur ein gutes Comeback einer alten Band, mehr als nur der letzte Schaulauf. Es knüpft wirklich und wahrhaftig an die Größe der allerbesten The Cure-Alben (“Disintegration” und “Pornography”) an.
Highlights: “Alone”, “Endsong”, “And Nothing Is Forever”, “I Can Never Say Goodbye”, “All I Ever Am”
+++ Vampire Weekend überraschen mit dem ersten Album ihrer Karriere, das ihrem Status gerecht wird +++
Genre: Chamber Pop / Indie Rock / Neo-Psychedelia
Subgenres: Art Pop / Progressive Pop
Descriptors: #playful #lush #existential #nostalgic #warm #eclectic #sentimental #melodic
Unpopuläre Meinung: Bisher habe ich nie so richtig verstanden, was Leute an Vampire Weekends Alben finden. Oft handelte es sich um eklektische, verspielte Gen-X-Hippie-New York-Upperclass-Indie-Pop-Alben, die am Ende wenig Erfolg darin hatten, wirklich interessant zu sein… Bisher ist das im Laufe der Bandkarriere gradual eher schlimmer geworden, jetzt hat sich das Blatt aber gewendet. Zwar lässt sich “Only God Was Above Us” genauso beschreiben, wie ich gerade eben all seine Vorgänger polemisch abgewickelt habe, aber schon im Titel liegt eine entscheidende Aussage: ‘Nur Gott WAR über uns’. Das ist wie ein ironisches Eingeständnis: Wir dachten wirklich, wir wären die Größten, spätestens jetzt sind wir's aber nicht mehr. Die neue Perspektive tut gut, denn bis auf den ersten Song, “Ice Cream Piano”, der ein bisschen zu süß und fettig schmeckt, geht's auf “Only God Was Above Us” ordentlich zur Sache. Wenn es um Texturen geht, ist das hier eines der aufregendsten Alben des Jahres. Das gelingt Vampire Weekend, indem ihre bekannten Experimente nicht mehr nur als sinnlose Anhängsel an mittelmäßigen Songs passieren, sondern tatsächlich inhärente Teile richtig guter Songs sind. Das fühlt sich weniger nach Gimmicks und mehr nach fantastischer Produktion an, die die sowieso schon schönen Songs tatsächlich besser macht. Vampire Weekend sind also zum ersten Mal tatsächlich die Indie-Sonnenscheine des Jahres – geht doch!
Highlights: “Classical”, “Connect”, “Capricorn”, “Mary Boone”, “Hope”, “Gen-X-Cops”
+++ Die Portishead-Sängerin kehrt nach über 15 Jahren zurück mit ihrem zweiten Soloalbum +++
Genre: Progressive Folk / Singer-Songwriter / Chamber Folk
Subgenres: Psychedelic Folk / Art Rock
Descriptors: #dark #serious #sombre #existential #philosophical #ethereal #tribal #eclectic #anxious #surreal #nocturnal #conscious #pastoral
Über 15 Jahre später macht Beth Gibbons da weiter, wo ihr 2002er Solodebüt mit Talk Talk Bassist Rustin Man, “Out of Season”, und das dritte Portishead-Album “Third” – beide fantastische Werke – geendet haben. “Lives Outgrown” bleibt tief düster, irgendwie gebrechlich und auch musikalische Reste einer gewissen Verstörtheit bleiben bestehen. Inhaltlich findet sich die aber kaum noch wieder, denn Beth Gibbons ist nicht nur älter, sondern auch weiser geworden. Damit weiß das Album zu brillieren: Die thematisch schweren Songs scheinen noch viel mehr mit ihren persönlichen, philosophischen und politischen Noten. Das gelingt in einer Abwechslung aus friedlich-ätherischem, ländlich-idyllischen Singer-Songwriter mit fast schon psychedelisch-tribalistischem Progressive Folk. Es ist die Spannung zwischen dunkler Schönheit und existenzieller Bedrohlichkeit, der “Lives Outgrown” so überzeugend macht.
Highlights: “Floating on a Moment”, “Lost Changes”, “Whispering Love”, “Reaching Out”, “Oceans”, “Rewind”
+++ Der Geese-Frontmann dominiert mit seinem Solodebüt aus dem Dezember 2024 den Indie-Diskurs 2025 +++
Genre: Singer-Songwriter / Americana
Subgenres: Contemporary Folk / Soul / Chamber Folk
Descriptors: #raw #abstract #poetic #passionate #introspective #eclectic #romantic
“Heavy Metal” fühlt sich wie das Ende des ersten Abschnitts von Cameron Winters Karriere als Musiker an. Während er auf Geese' Debütalbum “Projector” noch kein besonders herausragender Performer war, etablierte er sich auf dem phänomenalen zweiten Album der Band, “3D Country”, als einer der schrägsten, unkonventionellsten und gleichzeitig emotionalsten jungen Sänger. Mit so gestärktem Selbstvertrauen versucht er sich als Solokünstler auf seinem ersten Soloalbum “Heavy Metal”. Das Ergebnis ist eine unglaublich intime und verletzliche Sammlung an Songs, die durch ihre zahlreichen Unvollkommenheiten, wenn ich sie so nennen darf, umso schöner sind. “Heavy Metal” zeigt deutlich, dass Cameron Winter derzeit einer der talentiertesten Singer-Songwriter im Bereich Americana / Alt-Country / Indie-Rock ist, und dass er etwas von der Poesie, dem Experimentalismus und/oder der Emotionalität des frühen Leonard Cohen, Neil Young und sogar Thom Yorke (besonders auffällig in “Drinking Age”) in sich hat.
Highlights: “$0”, “Drinking Age”, “Nausicaä (Love Will Be Revealed)”, “Cancer of the Skull”, “Nina + Field of Cops”, “Love Takes Miles”
+++ Clairo liefert einige der samplebarsten und gefühlvollsten Instrumentals des Jahres als Kulissen für einige der schönsten Indie Pop-Songs des Jahres +++
Genre: Soft Rock / Bedroom Pop / Sophisti-Pop
Subgenres: Singer-Songwriter / Chamber Pop / Psychedelic Folk
Descriptors: #warm #lofi #mellow #sensual #soothing #longing #peaceful #romantic #calm #introspective #independent
“Charm” ist eigentlich nicht der Kandidat für eine herkömmliche Top 10. Hier fehlt es an Bombast, großer Ambition oder ähnlichem. Stattdessen überzeugt Clairo mit einer kleinen musikalischen Neuorientierung von den minimalistischen, aber trotzdem sehr durchproduzierten Instrumentals des Vorgängers “Sling” zu fast jazzigen Lofi-Instrumentals, deren Instrumentalist*innen sich auch mal mit tollen Performances ein bisschen in den Vordergrund spielen. Vordergrund heißt dabei aber nicht laut und schrill, denn auf “Charm” gibt es gar keinen richtigen Kampf um das Spotlight. Alles ist immer beruhigt und friedvoll. Das funktioniert aber nicht nur wegen der Instrumentals besser als zuvor – auch Clairo als Songwriterin überzeugt noch mehr als auf “Sling”: mit mehr Eingängigkeit und Melodie einerseits, und klareren Texten andererseits. Das ist sofort zugänglich – emotional und musikalisch.
Highlights: “Sexy to Someone”, “Nomad”, “Add Up My Love”, “Juna”, “Slow Dance”
+++ Kamasi Washington zementiert seinen Status als wohlmöglich wichtigster Jazz-Musiker der letzten 10 Jahre +++
Genre: Jazz Fusion / Spiritual Jazz
Subgenre: Soul Jazz / Jazz-Funk / Jazz Rap
Descriptors: #eclectic #epic #lush #complex #progressive #uplifting #passionate #improvisational #technical #psychedelic
Kamasi Washingtons drittes Album glänzt mit mehr Fokus auf einzelne Songs und viele verschiedene Crossover-Experimente. Der Saxophonist, Komponist und Bandleader, der unter anderem an Kendrick Lamars “To Pimp a Butterfly” mitgewirkt hat, präsentiert so über eineinhalb Stunden seine ganze jazzmusikalische Bandbreite: von Spiritual Jazz, über Jazz Rap und Soul Jazz, zu Jazz-Funk und Third Stream. Dadurch erhöht Washington natürlich nebenbei seine Zugänglichkeit für Fans verschiedenster Genres und ebnet in der Folge auch den Weg für neue Jazz-Hörer*innen sich in das Genre hineinzufinden. Passenderweise geht das Album auch gerade in der zweiten Hälfte tendenziell mehr rockig angehauchten Spiritual Jazz über, der weniger Genregrenzen sprengt bis Washington schließlich mit seiner Version von “Prologue” einen modernen Jazz-Klassiker als Abschluss vorlegt.
Highlights: “Prologue”, “Computer Love”, “Road to Self (KO)”, “The Garden Path”, “Lines in the Sand”, “Dream State”