Written by Oskar Vier
Published on 25.01.2026
Die Machtlosigkeit der Vielen ist kein Produkt des Neoliberalismus und kein bloßes Gefühl der Ohnmacht, sondern das Ergebnis jahrtausendelanger politischer Organisation sesshafter Gesellschaften in hierarchischen Systemen. Ökonomische Ungleichheit stabilisiert diese Machtverhältnisse, erzeugt sie aber nicht. Solange politische Praxis anthropologische Unterschiedlichkeit im Politischen nicht aktiv neutralisiert, reproduziert sie notwendig Herrschaft – unabhängig von Eigentumsformen oder Ideologien.
Ich beziehe mich in diesem Text auf folgendes Reel: https://www.instagram.com/reels/DTpyksCDWCy/
Hier sind die Kernaussagen, auf die ich mich aus dem Reel beziehe:
Why in this moment of history do we feel so powerless?
Powerlessness and disentchantment is a very dangerous emotion. Every fascist government in history has come out of a feeling of agrievement and powerlessness.
This is not the 1930s. This is a neoliberal fascism. This agrievement hasn't come out of war, it has come out of an economic violence.
We feel powerless because in the 1970s there was a huge shift of power from politics to finance. […] This was deregulation and this was the start of neoliberalism.
She [Margaret Thatcher] knew that replacing people in power with the power of finance […]
Daraus lassen sich folgende Kernthesen ableiten:
Das Reel liegt richtig insofern, als dass die Frage nach der Machtlosigkeit tatsächlich als eine entscheidende Frage der Gegenwart gestellt werden muss. Allerdings geht es darin von vorneherein nicht weit genug: Es handelt sich nämlich nicht nur um eine entscheidende Frage der Gegenwart, sondern der Neuzeit generell. Zwar impliziert das Reel eine wiederkehrende Ohnmacht in modernen Systemen, trotzdem gibt es sich aber dann damit zufrieden, mit der Erklärung erst in den 1970er Jahren – bei der Entstehung des Neoliberalismus – anzusetzen. Das ist eine gefährliche Verkürzung, die nur funktioniert, weil das Reel die Machtlosigkeit nicht als Realität, sondern primär als Gefühl versteht.
Dieses elitär-psychologisierende Framing der Machtlosigkeit als etwas, das mehr ein Gefühl als ein Fakt und vor allem gefährlich sei, halte ich für problematisch. Machtlosigkeit ist in unseren politischen – und wenn man so will auch ökonomischen – Systemen für eine Mehrheit der Menschen ein Fakt. Diejenigen, die das auch fühlen, fühlen richtig: Sie haben aus ihren Umständen heraus – und auch aufgrund des Fehlens geistesaristokratischer Verbildung, wenn ihr mir die Bemerkung erlaubt – ein sehr feines Gespür dafür. Wenn wir diese Machtlosigkeit als Realität anerkennen und sie mit all ihren gesellschaftlichen Folgen richtigerweise für höchst problematisch – oder gar für das Problematischste – befinden, dann müssen wir zu dem Schluss kommen, dass die nüchterne Erkenntnis der Machtlosigkeit und die sich einstellende Ohnmacht als Reaktion bei möglichst vielen Menschen essenziell ist, um Veränderung überhaupt zu ermöglichen. Zur Wahrheit, die das Reel klar – aber eben zu einseitig – benennt, gehört aber auch, dass das Gefühl der Machtlosigkeit historisch in den meisten Fällen instrumentalisiert wurde durch Faschist*innen und Autoritäre. Richtig wäre also die Machtlosigkeit als Fakt, und die Ohnmacht gleichzeitig als das produktivste und gefährlichste Gefühl überhaupt zu framen: gefährlich, weil es instrumentalisiert werden kann, produktiv, weil es die Grundvoraussetzung für Veränderung ist. Erst aus der anerkannten und akzeptierten eigenen und kollektiven Ohnmacht kann Ermächtigung entstehen.
Doch warum handelt es sich bei der Erklärung durch den Neoliberalismus um eine Verkürzung? Das ist auf zwei Weisen der Fall: Zum einen, wenn man strikt die Theoriebrille des Marxismus aufsetzt, denn laut Marx sind Staat und Politik bloß Überbau für ökonomische Besitzverhältnisse (und das eben nicht erst seit den 1970ern), und zum anderen, ist die Behauptung absurd, die politische Machtlosigkeit der Vielen habe sich erst eingestellt, als politische Macht von politischen Eliten zu Finanzeliten übergegangen sei. Dafür hätte es eine Art politische Mächtigkeit – als Gegensatz zur Machtlosigkeit — vor den 1970er Jahren geben müssen, die dann durch diesen Übergang fundamental beschädigt worden sein könnte.
Doch die relative Machtlosigkeit der Vielen ist ein strukturelles Problem, indem sich die Menschheit seit Jahrhunderten und Jahrtausenden befindet. Um sie zu erklären, ist Neoliberalismus höchst unzureichend. Sogar die Erklärungen von Karl Marx sind nicht komplett satisfaktionsfähig, weil Marx selber zwei entscheidende Verkürzungen in seiner Arbeit hat. Eine habe ich bereits genannt: Das Verständnis von politischer Ordnung als Überbau für ökonomische Verhältnisse. Die zweite Lücke hängt eng damit zusammen: Marx hat es nicht geschafft bis zum Kern des Klassenkampfes bzw. der Klassenunterschiede vorzudringen. Das ist keine rein empirische Kritik an Karl Marx, der den Kapitalismus und die Herrschaft in ihr treffend beschrieben hat, sondern eine theoretische Überbietung mit einem tiefer gelegten Erklärungsanspruch.
Meine zentrale These – die Marx nicht widerlegt, sondern überbietet – lautet: Die strukturelle Machtlosigkeit der Vielen entsteht primär aus politischer Organisation, nicht aus ökonomischen Besitzverhältnissen. Diese These ist so unfassbar erklärungskräftig und gewinnbringend im Wettbewerb der Theorien, weil ihr Hintergrund historisch am allertiefsten verankert ist. Die Argumentation für diese These liegt in der Anthropologie und der Verhaltensphysiologie und sie setzt vor dem Beginn der menschlichen Zivilisation an. Ich werde das nur verkürzt und idealisiert anreißen und meine Ausführungen sind dadurch mit Sicherheit empirisch angreifbar. Was zählt ist aber die richtige anthropologische Schluss.
In der Altsteinzeit waren die Menschen noch ein Nomad*innenvolk, das in kleinen Gruppen lebte. Die Organisation dieser Gruppen war nicht strikt hierarchisch, sondern egalitär und herrscherlos. Der beste Jäger übernahm die Führung beim Jagen, die beste Sammlerin beim Sammeln. Aber diese Führung war nicht hierarchisch etabliert, sondern situationsbezogen, konsensual und opportunistisch. Alle waren aufeinander angewiesen in den verschiedenen Situationen des Alltags. Es gab kein Privateigentum, nichts worauf sich Macht oder Dominanz begründen ließen. Was es gab waren Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, körperlich wie geistig.
Mit der Sesshaftigkeit und damit der beginnenden Zivilisation in der Jungsteinzeit änderte sich das gewaltig. Die Menschen wurden sesshaft in größeren Gemeinschaften und hatten Privateigentum. Hier findet sich der Beginn von Klassenunterschieden und Klassenstrukturen. Hatte Marx also Recht? Ja und nein
Politische und ökonomische Verhältnisse haben sich in dieser Zeit erstmals formiert und verfestigt, verzahnt miteinander. Die Sesshaftigkeit hat dafür die materiellen und sozialen Kontextbedingungen geschaffen. Die Herausbildung von Klassenverhältnissen lässt sich jedoch nicht unmittelbar aus ökonomischem Besitz ableiten, sondern geht ursprünglich aus der Unterschiedlichkeit menschlicher Fähigkeiten hervor. Klassen entstehen erst dort, wo bestimmte Akteur*innen in der Lage sind, aus Fähigkeiten ein dauerhaftes Über- und Unterordnungsverhältnis zu machen. Entscheidend ist dabei nicht bloße Stärke, sondern die Fähigkeit, Dominanz zu organisieren und zu stabilisieren. Diese Fähigkeit beruht auf der Kombination aus physischer Durchsetzungsfähigkeit, sozialer Koordinationskompetenz und strategischer Handlungsfähigkeit – kurz der Fähigkeit zum politicking. Dazu gehört insbesondere, Allianzen zu bilden, Loyalitäten zu sichern und situative Vorteile in dauerhafte Machtpositionen zu überführen. Herrschaft folgt damit nicht dem simplen „Recht des Stärkeren“, sondern dem Vermögen, Macht sozial zu verallgemeinern und institutionell abzusichern. In diesem Übergang von individueller Fähigkeit zu organisierter Dominanz liegt der Ursprung von Klasse und politischer Macht.
Was lässt sich also tun, um diese Verhältnisse – ökonomische Klassen und politisches Machtungleichgewicht – nachhaltig zu ändern? Ihr Ursprung muss durch soziale Systeme eingehegt werden. Das heißt: Es braucht gesellschaftliche Organisation, die Unterschiedlichkeit nicht betont, sondern diese negiert.
Natürlich haben sich die Verhältnisse und Gewichtung von unterschiedlichen Fähigkeiten, politischer Macht und wirtschaftlicher Macht in ihrer Verzahnung, Akkumulation und Organisation im Laufe der Geschichte vielfach geändert. Wahr bleibt jedoch: Wenn die fundamentale, anthropologische Unterschiedlichkeit nicht in einem System eingefangen wird, wird sie sich immer durchsetzen und in der Folge zu politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen führen. Im Laufe dieser Entwicklung wird die natürliche Unterschiedlichkeit der Fähigkeiten schnell weniger ausschlaggebend für die Machtakkumulation sein, sondern ersetzt werden durch Systeme, die die Machtakkumulation in den Händen der bereits Mächtigen fortsetzt. Macht und Hierarchie verselbstständigen sich unabhängig von Personen.
Jetzt können wir, wie Marx vorschlägt, die ökonomischen Besitzverhältnissen revolutionieren. Damit bekämpfen wir aber nur das Symptom. Die ökonomischen Besitzverhältnisse zu egalisieren, fängt die anthropologisch-politische Ungleichheit nicht ein. Ökonomische Systeme sind dazu schlicht nicht in der Lage. Nur das politisches System, was die fundamentale Organisation der gesellschaftlichen Regulierung umfasst, kann das. Dazu braucht es institutionalisierte Prozesse, die Ungleichheiten so gut wie möglich egalisieren. Unsere modernen politischen Systeme vermögen das nicht zu tun und sie wollen es auch gar nicht. Im Gegenteil: Sie betonen diese Ungleichheiten durch die Form, in der wir Politik machen.
Woher kommt also die Machtlosigkeit der Vielen? Durch die fortgesetzte Organisation von Gesellschaft in hierarchisch-elitären Systemen, die sich durch bei den Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und die Sesshaftigkeit zuerst etabliert haben und sich seitdem fast ununterbrochen autopoietisch reproduzieren. Neoliberalismus und moderne “Demokratie” sind nur ein kurzer, uns historisch naher, symptomatischer Ausschnitt aus diesem Prozess. In dem Rahmen der modernen “Demokratie” haben wir bereits besser als in der Geschichte gewöhnlich den Prozess der totalen Vereinigung von politischer und ökonomischer Macht verlangsamt. Nicht weil die Systeme so gut sind, auch wenn sie besser sind als die autoritären Formen von davor, sondern vor allem weil die Ausgangsbedingungen ideal waren. Was wir aber seit Jahrzehnten beobachten, ist das Schlechterwerden der Umweltbedingungen und damit die sich beschleunigende Transformation hin zur Tyrannis, in der per definitionem öffentliche und private Sphäre, Politik und Ökonomie, polis und oikos verschmelzen – gerade live zu beobachten in den USA. Teil dieser Entwicklung ist eine Zuspitzung der relativen Machtlosigkeit der Vielen.
Was heißt das für Marx? Er ist wirklich ein Kind seiner und unserer Zeit. Eine Zeit, in der ökonomische Besitzverhältnisse das größte Problem zu sein scheinen und es aus gewisser Perspektive sogar sind. Darum machen wir den fundamentalen Fehler, sie für die Krise der menschlichen Gesellschaft verantwortlich zu machen und suchen in ihrer Revolution oder Reformation die Lösung, obwohl sie in Wahrheit nur der Krise historisch wandelbare Stabilisierung darstellen. Wir merken gar nicht, dass das Problem viel tiefer liegt: Ökonomie stabilisiert nur sekundär, was zuerst politisch organisiert wurde, und die schlechte Art und Weise, in der sich diese Organisation eingestellt hat, folgt aus der Sesshaftigkeit und anthropologischen Unterschiedlichkeit. Das heißt nicht, dass Herrschaft natürlich oder legitim ist, sondern sie entsteht konsequent und fatalerweise für alle Beteiligten, wenn es in sesshaften Gesellschaften keine egalisierenden politischen Institutionen gibt.