Written by Oskar Vier
Published on 06.02.2026
In der Losdemokratie gibt es keine Herrschaft, aber es gibt einen Staat. Ich erkläre, warum das Anarchie ist.
Anarchie ist per definitionem die Abwesenheit von Herrschaft.
Herrschaft wiederum ist stabile Machtasymmetrie.
Es gibt also in einem geschlossenen System eine Institution, die strukturell gegen allen anderen Systemteilnehmenden Gewalt ausüben kann.
Anarchie lässt sich jedoch von Anomie abgrenzen.
nomia ist altgriechisch für “Gesetz”, “Regel” oder “Ordnung”, während die Vorsilbe a- immer “nicht” oder “ohne” bedeutet.
Anomie ist dementsprechend ein Zustand menschlicher Gesellschaft, indem es keine Ordnung, Regeln oder Gesetze gibt.
In der Anomie kann es aber Herrschaft geben. Sie bildet sich sogar natürlicherweise heraus, denn wenn es keine Ordnung, Regeln oder Gesetze gibt, dann gilt das Recht des Stärkeren. Der Stärkere herrscht.
In der Anarchie gibt es dagegen keine Herrschaft, aber es kann Ordnung, Regeln oder Gesetze geben.
Die Demokratie wurde im antiken Griechenland ursprünglich unter der Selbstbezeichnung Isonomie erfunden.
iso ist altgriechisch für “gleich” oder “ebenbürtig”.
Es handelt sich also um eine Art Gleichordnung, oder konkret um die Gleichheit aller Bürger*innen im Politischen.
Zu den Prinzipien der Isonomie gehören außerdem:
Durch das Losen aller in Bürger*innenräte, in denen alle direkt, aktiv und gleich an Politik beteiligt sind, entsteht politische Gleichheit der Bürger*innen und somit eine Abwesenheit von Herrschaft im Politischen (Anarchie), während es gleichzeitig Gesetze und Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben geben kann.
Durch das regelmäßige Auslosen von Bürger*innenräten zu verschiedenen Themen und auf verschiedenen Ebenen sind alle Bürger*innen wirklich regelmäßig an der Reihe, Macht übereinander auszuüben (und wieder zu verlieren).
Regeln und Gesetze sind dynamisch, weil sie bei Bedarf stets in neu zusammengesetzten Bürger*innenräten neu ausgehandelt werden können. Wenn es keine Herrschaft gibt, die Regeln asymmetrisch mit dem Anspruch auf Zeitlosigkeit schafft und durchsetzt, dann braucht es Strukturen, in denen Regeln immer wieder den Bedürfnissen der Menschen und den Zeichen der Zeit angepasst werden können.
Durch die vielen Versuche (regelmäßiges Losen) entsteht statistisch eine annähernde Gleichverteilung. Alle gesellschaftlichen Gruppen sind also langfristig ungefähr proportional vertreten.
Mit dem Prinzip des Losens ist es möglich die Art, wie gute zwischenmenschliche Beziehungen – z.B. Familien und Partnerschaften – funktionieren, auf die Gesellschaft auszuweiten ohne das System zu überladen.
Isonomie ist aufwändige Beziehungsarbeit, die investiert werden muss, um gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen, gute Regeln für alle zu produzieren, Politik bedürfnisorientiert zu gestalten und Herrschaft zu minimieren.
Aber was ist eigentlich Demokratie?
Grundsätzlich ist sie gleichbedeutend mit der Isonomie.
Bei dem Begriff Demokratie handelt es sich lediglich um eine später, vor allem herabwürdigend genutzte Fremdbezeichnung für Isonomie.
demos ist das Volk, kratia bedeutet “Macht”, “Herrschaft” oder “Autorität”. Der Begriff in sich ist also widersprüchlich.
Bei Aristoteles ist die Demokratie die schlechte Form der Herrschaft der Vielen.
Demgegenüber stellt er die Politie, die er als eine Mischverfassung aus Demokratie und Oligarchie beschreibt.
Als Praktiken werden hier also sowohl Losen (als Prinzip der Isonomie/Demokratie), als auch Wahlen (als Prinzip der Aristokratie/Oligarchie) angewendet. Das Ziel der Politie war für Aristoteles ein Ausgleich zwischen den Interessen der Unterschicht – als deren Pöbelherrschaft (auch Ochlokratie) er die Demokratie versteht – und den Interessen der Oberschicht, deren verkommene Herrschaftsform analog zur Demokratie eben die Oligarchie ist.
An Aristoteles' Idee gibt es aus meiner Sicht Zahlreiches zu kritisieren.
Zum einen problematisiert sie nicht die fortbestehende Ungleichheit im Privaten, die durch die Demokratie im Politischen ausgeglichen und reguliert werden soll: Wenn es im Politischen durch Wahlmechanismen Sonderrechte für die Reichen gibt, verliert die Politie gegenüber der Demokratie ein entscheidendes Gütekriterium.
Es setzt sich die Ungleichheit aus dem Privaten im Politischen fort und das Politische verliert seine Kraft, die Ungleichheit im Privaten zu regulieren, dadurch, dass die Privilegierten nun auch in der Politik privilegiert ihre Interessen durchsetzen können.
Die Idee der Politie ist also grundlegend asymmetrisch: Reiche sind wenige, Arme sind viele. Warum also sollte ein Interessenausgleich zugunsten Weniger und zuungunsten Vieler wünschenswert sein?
Ein solcher Interessenausgleich führt möglicherweise nicht – wie Aristoteles behauptet – zu mehr gesellschaftlichem Frieden im Vergleich zur Demokratie, sondern zu mehr Klassenkampf. Wo die Demokratie durch ihre Egalität im Politischen die Klassenkooperation institutionalisiert, macht Politie den Klassenkampf von Oben im Politischen wieder möglich.
Und auch historisch zeigt sich: Reiche haben Strukturen, Netzwerke und Ressourcen, um Macht zu erkämpfen, zu ergreifen und dauerhaft zu sichern. Gibt man diesen Einheiten ein Einfallstor, destabilisiert man das System. Eine Oligarchisierung wird wahrscheinlicher.
Isonomie – bzw. Demokratie – erzeugt trotz seines anarchischen Charakters einen Staat: Es gibt Institutionen, Regeln und Verfahren (Staat), aber keine stabile Machtasymmetrien (Herrschaft).
Machtasymmetrie: “Ich kann dich mehr bedrohen, als du mich.”
Dementsprechend ist Anarchie nicht zwingend Staatenlosigkeit. Vielmehr ist die Frage danach entscheidend, ob es Herrschaftsstrukturen in einem Staat gibt und wie diese organisiert sind. Oder einfacher gesagt: Es gibt den guten Staat, wir haben ihn nur noch nie erschaffen und erlebt.
Auf dieser Basis möchte ich eine Typologie von Staaten vorschlagen. Wenn es nicht gerade um die Diskussion Staat oder Nicht-Staat geht, dann ist die entscheidende ideologische Frage zwischen den Lagern oft: starker oder schwacher Staat. Ich möchte genau diese Dichotomie nehmen und politisch neu definieren.
Als Demokrat und Anhänger der Isonomie halte ich mich für einen Befürworter eines starken Staates, denn ich selber habe ein positives Bild von Stärke. Stärke ist für mich Einigkeit hergestellt durch Kommunikation, Konsens und Beziehungsarbeit. In einem starken Staat sind Kapitaleinflüsse – also Einflüsse aus dem Privaten – minimiert. Es gibt eine funktionale Trennung zwischen Politik und Ökonomie. Eine echte Demokratie stellt genau das her: Sie schafft eine wirklich politische Öffentlichkeitsplattform und institutionalisiert den gleichen Austausch zwischen allen Bürger*innen. Durch die Vielzahl an Bürger*innenräten und den ständigen Wechseln der Verantwortlichen wird Lobbyismus stark erschwert. Durch die echte Entscheidungsmacht der Bürger*innen, padägogische Methoden zur Entscheidungsfindung und Beratung durch Expert*innen werden konsensuale und rationale Entscheidungen über zentrale Probleme möglich. Der Staat handelt mit hoher Unabhängigkeit, Legitimität und Partizipation.
Der schwache Staat ist die Staatsform, die wir gerade in den meisten westlichen Systemen vorliegen haben. Es handelt sich um einen Staat mit stabiler Machtasymmetrie und Gewaltmonopol, der instabil und politisch gespalten sowie leicht beeinflussbar durch das Kapital ist. Es findet eine stetige Vermischung von öffentlicher und privater Sphäre; Politik und Ökonomie statt. Genau diesen Zustand schaffen Wahlaristokratien (oder wie sie populär heißen: repräsentative Demokratien, liberale Demokratien; der Parlamentarismus). Durch Wahlen und Parteien wird eine differenzierte Gesellschaft zusätzlich politisch fragmentiert. Parteien sorgen durch ihre Filterfunktion dafür, dass sich immer nur bestimmte Charaktere zu politischen Karrieren aufschwingen können. Wahlen projizieren durch ihre starke Personalisierung und Wahlkämpfe Ungleichheiten im Privaten ins Politische. Die mächtigsten Menschen verfügen über eine Gatekeepingfunktion, ein Informationsmonopol und über die Plattformen, über die Informationen an die Wähler*innen gelangen. Zur Wahl stehen meist Menschen aus privilegierten Verhältnissen. Durch Legislaturperioden und sich verfestigende politische Eliten und Personalkerne wird die Regulierung der Gesellschaft anfällig für Kapitaleinflüsse, u.a. durch Lobbyismus. Dieser Staat ist schwach, denn er vermag sich nicht gegen das Kapital durchzusetzen und er ist insbesondere in Krisenzeiten nicht in der Lage, wegweisende Entscheidungen zu fällen.
Der falsche starke Staat ist ein Staat mit stabiler Machtasymmetrie und Gewaltmonopol, der die Einigkeit und Entscheidungsfähigkeit des starken Staates simuliert und durch Gewalt herstellt und sichert. In diesem Staat verschmelzen Politik und Ökonomie; öffentliche und private Sphäre miteinander. Politisch gesehen handelt es sich dabei um einen Kategorienfehler, denn diese Trennung aufzuheben, eliminiert effektiv das Politische.
starker Staat schwacher Staat falscher starker Staat Herrschaftsstruktur Isonomie/Demokratie Aristokratie/Oligarchie (z.B. Parlamentarismus, repräsentative Demokratie) Tyrannis/Faschismus Auswahlverfahren Los Wahl / (ggf. Erbschaft, Recht des Stärkeren) Trennung öffentlich/privat strikte Trennung schwache Trennung aufgehobene Trennung politische Praxis institutionalisierter Bürger*innendialog, pädagogische Verfahren, Anhörung von Expert*innen Parteienwettkampf, Wahlkampf, Populismus, Lobbyismus, Koalitionen, … Parteiendiktatur, autoritäre Herrschaft, Exekutivmacht Stärke durch… Kommunikation, Beziehungsarbeit, direkte und aktive Partizipation Autoritarismus und Faschisierung Gewalt gesellschaftliche Dynamik Einigung Spaltung Unterdrückung, Exklusion Politische Öffentlichkeit durch… direkte Vermittlung durch politische Institutionen (Bürger*innenrat) und indirekte Vermittlung durch Medien und PR indirekte Vermittlung durch politische Institutionen, Medien und PR indirekte Vermittlung durch politische Institutionen, Medien und PR Verfassung möglich, aber nicht nötig ja egal Gewaltmonopol nein/möglich, aber reziprok ja, aber zurückhaltend ja, entfesselt
Losdemokratie ist – je nach Radikalität des Befragten – Politie, Isonomie, echte Demokratie.
Das “Los-” vor der “Demokratie” grenzt den Begriff vom in der Moderne verfälschten Demokratiebegriff ab.
Losdemokratie kann im klassisch-isonomischen Sinne als geordnete Anarchie mit einem starken Staat begriffen werden.
Gemäßigter gesehen kann sie jedoch auch offen für Elemente der Aristokratie bzw. Oligarchie (Wahl) sein – von Funktions- bis zu Entscheidungsämtern, wobei ich persönlich letzteres ablehne.