Written by Oskar Vier
Published on 01.03.2026
In der Berichterstattung und Kommentierung des völkerrechtswidrigen Angriffs der USA und Israels auf den Iran hört man von allen möglichen Perspektiven. Zu kurz kommt aber – wie so oft – die eigentliche wichtigste Frage: die Machtfrage. Wer händeringend nach einer theoretischen Einordnung der Situation sucht…
In der Berichterstattung und Kommentierung der militärischen Eskalation rund um Iran, Israel und die USA hört man von allen möglichen Perspektiven. Zu kurz kommt aber – wie so oft – die eigentliche wichtigste Frage: die Machtfrage. Wer händeringend nach einer theoretischen Einordnung der Situation sucht, der wird meist am Ende dabei landen, ein Völkerrecht zu zitieren, das offensichtlich politisch machtlos bleibt, und anschließend den US-amerikanischen Imperialismus zu verurteilen. Und klar ist doch auch: Der Westen konstruiert seine Rechtfertigungen für Interventionen regelmäßig aus selbst geschaffenen Kontextbedingungen heraus. Wer durch Embargos und internationale Sanktionen wirtschaftliche Destabilisierung, Inflation und soziale Verelendung herbeiführt, um die daraus folgenden Proteste – die von Regimen mit Gewalt beantwortet werden – später als Interventionsgrund zu nutzen, handelt strukturell menschenfeindlich und nimmt zivile Opfer bewusst in Kauf.
Ein von außen forcierter Regimewechsel kann unter solchen Bedingungen nur neue Gewaltstrukturen reproduzieren und trägt das Risiko internationaler Eskalation in sich. Wir befinden uns längst in einer Phase globaler Blockbildung – ein neuer Kalter Krieg, der im Globalen Süden bereits real und heiß ausgetragen wird.
Doch die entscheidende Frage bleibt meist unbearbeitet: Warum reproduzieren sich solche Gewaltspiralen historisch so stabil?
Iran, Israel und die USA haben – trotz ihrer Unterschiede – eine strukturelle Gemeinsamkeit: Ihre politischen Systeme sind hierarchisch organisiert. In allen Fällen liegt reale Entscheidungsmacht bei relativ kleinen Eliten. Im Iran in Form einer theokratischen Führungsstruktur, in den USA und Israel als repräsentative Systeme mit starker Machtkonzentration in sicherheits- und verteidigungspolitischen Entscheidungsnetzwerken.
Damit sind sie – funktional betrachtet – Aristokratien: Systeme, in denen die Wenigen über die Vielen entscheiden. Die zentrale Gemeinsamkeit liegt nicht in Ideologie oder Kultur, sondern darin, dass die von Gewaltentscheidungen Betroffenen nicht identisch mit den Entscheidenden sind. Diese strukturelle Entkopplung erlaubt die Externalisierung von Kosten: Kriege werden von Vielen geführt, beschlossen werden sie von Wenigen. Solange diese Entkopplung existiert, bleibt Krieg rational innerhalb der Systemlogik.
Die Geschichte zeigt nicht, dass Hierarchie gelegentlich zu Krieg führt, sondern dass Kriege unter hierarchischen Systemen dauerhaft präsent bleiben – auch wenn ihre Form sich wandelt (imperiale Kriege, dynastische Kriege, nationale Kriege, Stellvertreterkriege, hybride Konflikte). Der scheinbare Rückgang von Großkriegen in bestimmten Regionen ist kein globaler Trend, sondern eine regionale Verschiebung der Gewalt. Interdependenz, internationale Institutionen, Abschreckung oder innenpolitische Kosten haben Krieg nicht überwunden – sie haben lediglich seine Erscheinungsform verändert. Die Ursache liegt tiefer: in der strukturellen Organisation politischer Macht.
Hierarchische Systeme – gleich ob monarchisch, theokratisch oder repräsentativ – trennen systematisch: Entscheidung, Verantwortung, Betroffenheit. Diese Trennung erzeugt ein dauerhaftes Risiko der Gewaltanwendung. Das Problem ist daher nicht allein internationale Anarchie, sondern das Fehlen einer horizontalen politischen Regulierung zwischen Staaten und innerhalb von Gesellschaften. Solange politische Ordnung vertikal organisiert ist, bleibt Macht gezwungen, sich gegen andere Macht zu behaupten.
In Krisen verschärft sich diese Logik. Parteienwettbewerb produziert dann nicht Stabilität, sondern Polarisierung. Unter Druck tendieren solche Systeme dazu, Einigkeit durch Autorität zu erzwingen. Historisch beobachten wir, dass in Phasen struktureller Überforderung repräsentative Systeme autoritäre Züge annehmen, um Handlungsfähigkeit zu simulieren. Diese Dynamik kann in extremen Fällen in faschistische Konsolidierungsformen münden, die Einheit und Stärke durch Ausschluss und Gewalt herstellen.
Der entscheidende Punkt ist: Dies ist kein moralisches Versagen einzelner Akteure, sondern eine strukturelle Folge hierarchischer Entscheidungsarchitekturen. Konflikt kann auch ohne Hierarchie entstehen. Doch ohne institutionalisierte horizontale Mitentscheidung fehlt ein Mechanismus, der Konflikte politisch statt gewaltsam verarbeitet. Eine tatsächlich demokratische Praxis – verstanden als reale Mitentscheidung aller von Gewalt Betroffenen – hat historisch bislang nicht existiert. Repräsentative Systeme bleiben Elitenauswahlverfahren. Solange diese strukturelle Entkopplung bestehen bleibt, bleibt auch Krieg ein rationales Mittel innerhalb des Systems.
Wer also nachhaltigen Frieden will, muss die Machtfrage stellen: Nicht bessere Führungen, sondern die Aufhebung der Trennung zwischen Entscheidenden und Betroffenen ist der zentrale Schritt. Ohne eine horizontale politische Ordnung bleibt Gewalt kein Unfall der Geschichte, sondern ihr wiederkehrendes Produkt.